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10.08.2011
Kategorie: Pazifismus und Miltärkritik

Gesehen: ZDF-Zweiteiler zum NATO-Doppelbeschluss: Pershing statt Petting

Kommentar von Peter Aichelin


Vor ziemlich genau 30 Jahren saß ich mit elf anderen Mitgliedern der „Gewaltfreien Aktion Tübingen“ bei der ersten Kasernenblockade in Deutschland angekettet vor der Atomwaffenkaserne in Engstingen. Für den Film „Pershing statt Petting“ hatte Ute Finckh deshalb Jan Lorenzen an mich vermittelt. Nach einem 1-stündigen Telefonat wurde eine weitere Zusammenarbeit angekündigt. Danach habe ich von Jan Lorenzen nichts mehr gehört. Ich hatte bei dem Telefonat den Eindruck, dass ihm die Zusammenhänge nicht gefielen, die ich herstellte. Daher war ich natürlich sehr auf den Film gespannt.

Tatsächlich traf ich im Film viele alte Bekannte, wie Volker Nick, der in Tübingen in der heißen Phase der Friedensbewegung vieles organisierte und unermüdlich in der Pressehütte in Mutlangen und bei den dortigen Blockadeaktionen war, oder Ulli Thiel, der die Menschenkette von Stuttgart nach Ulm initiierte. 100.000 Menschen waren dafür nötig und ich war sauer auf Ulli, weil ich befürchtete, er würde mit dieser Aktion die Friedensbewegung an die Wand fahren: 100.000 Menschen. Keiner konnte ahnen, dass die Menschenkette in Schlangenlinien über die Schwäbische Alb lief und in den Städten (ich war in Neu-Ulm) die Kette die Breite eines Demozuges hatte. Und natürlich Ute Finckh, mit der ich Ende der 70er in der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) in Tübingen zusammenarbeitete, als es in ganz Deutschland wohl kaum mehr als 1000 Friedensaktivisten gab. Die Friedensbewegung wurde buchstäblich aus dem Nichts geschaffen.


Überhaupt die Kirche: Viele der ersten Friedensaktivisten kamen aus dem Umfeld der evangelischen Kirche. Durch die Verbindungen zur Kirche in der DDR wuchs die Friedensbewegung auf beiden Seiten der Mauer. Die DDR-Friedensbewegung wählte zu ihrem Motto den Titel eines Standbildes, das die Sowjetunion der UNO geschenkt hatte: „Schwerter zu Pflugscharen“. Nicht nur in der DDR, auch in der BRD hatten viele diesen Button auf ihre Parkas genäht. Als die DDR das Tragen des Buttons verbot, trugen viele auf ihrem Parka ein kreisrundes Loch von der Größe des Buttons. Jeder wusste, was da fehlte. Aber Löcher sind halt schlecht zu verbieten. Es ist daher absurd, wenn der Film immer wieder nahelegt, die Stasi hätte die Friedensbewegung gesteuert. Sie hat es versucht. Und jeder, der damals dabei war, weiß, wie DKP-Aktivisten versuchten, einzelne Friedensgruppen und auch die Friedensbewegung zu bestimmen. Ihr Motto: „Keine neuen Atomraketen“. Unsere verächtliche Ergänzung: „...bevor die alten nicht aufgebraucht sind!“ Wir standen zu „Schwerter zu Pflugscharen“. Das mochten die anderen gar nicht.


Aber dieses Vorurteil, wir seien von der DDR oder der Sowjetunion fremdgesteuert, auch das ist ein alter Bekannter aus den 80ern.
Der Anlass, der zum Entstehen der Friedensbewegung führte, der NATO-Doppelbeschluss, legte dieses Missverständnis nahe: Die hochgerüstete Welt (auf jeden Erdenbürger kam eine Sprengkraft von 20 t TNT) hatte seit der Kubakrise eine klare Struktur: Moskau und Washington waren gegenseitig nur von Langsteckenraketen erreichbar. Deren Flugzeit war lange genug, dass ein Gegenschlag eingeleitet werden konnte. Das Prinzip der „gegenseitigen Abschreckung“ hieß: „Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter.“ Innerhalb dieser Logik hatten die Sowjets seit Ende der 70er ihre Raketen modernisiert. Nun wollten die Amerikaner in Deutschland Pershing-Raketen aufstellen, die von hier aus Moskau zerstören konnten, bevor sie entdeckt waren. Das Motto hieß also: „Der Russe ist tot, bevor er es merkt.“ Als diese Aufrüstung im sogenannten „Doppelbeschluss“ im Dezember 1979 festgelegt wurde, reagierte die Sowjetunion, wie sie es seit der Kuba-Krise nicht mehr getan hatte. Ein Teil dieser Reaktion war der Einmarsch in Afghanistan. Jeder, der sich auskannte, wusste, dass es hier um etwas ganz Außergewöhnliches ging. Leider waren das aber nicht sehr viele. Anti-Atom-Protest gab es zwar damals massiv, aber ausschließlich gegen AKWs. An den Kalten Krieg mit seiner Irrsinns-Logik hatten sich die meisten gewöhnt.


Eine der ersten Aktionen, die die Öffentlichkeit zum Nachdenken brachte, war die Blockade einer Atomkaserne in Großengstingen. Hier war, wie auch später, von DKP-lern nichts zu sehen. Diese Blockaden hatten mehrere Merkmale:
- Blockiert wurde nur in „Bezugsgruppen“, in Gruppen, die sich gemeinsam in gewaltfreien Trainings auf diese Aktionen vorbereitet hatten. Jeder hatte dabei das Recht, eine Aktion abzubrechen, wenn er sie nicht mehr mittragen konnte.
- Die Blockaden wurden vorher angekündigt. Der Polizei wurde mitgeteilt, was passieren wird und wie sich die Teilnehmer verhalten werden. Es gab teilweise heftige Auseinandersetzungen, ob man sich der Polizei gegenüber so kooperativ verhalten sollte.
- Jeder wusste, dass er das Risiko strafrechtlicher Verfolgung trug. All das hatten wir bei Mahatma Gandhi und Martin Luther King gelernt: Das Einstehen für seine Taten bringt den Gegner in Erklärungsnot und verringert sein öffentliches Ansehen. Meinem Freund Hansjörg Ostermayer, der bei dieser Kasernenblockade abgeräumt wurde, wurde aus diesem Grund zu Beginn seines Referendariats mitgeteilt, dass er auf keinen Fall als Lehrer eingestellt würde. Er hat seinen Prozess um die Sitzblockade („Nötigung“ war der Vorwurf) bis zum Bundesverfassungsgericht geführt. Dort wurde sein Antrag mit 4:4 Richterstimmen abgelehnt. Ich habe diesen Fall Jan Lorenzen erzählt und ihm angeboten, den Kontakt mit Hansjörg herzustellen. Daran hatte er kein Interesse. Es lag ihm wohl eher daran, die Blockaden als Spielwiese großgewordener Kinder darzustellen(„Wir haben unsere Schuhe auf einen Haufen geworfen und sie dann wieder auseinander geklaubt“).


Auch die Darstellung der Friedensbewegung als einen Haufen Spätpubertierender, die beispielsweise auf dem Kirchentag denen die Zunge herausstrecken, die einem vernünftigen Erwachsenen applaudieren, war für mich ein alter Bekannter. Dieser vernünftige Erwachsene war dann ausgerechnet Helmut Schmidt, der damalige Bundeskanzler, der noch 20 Jahre nach Ende des Kalten Krieges den damaligen Rüstungswahnsinn als rationale Politik darstellen durfte. Diese Argumentation ist ein Bekannter, bei dessen Anblick mir schon vor 30 Jahren übel wurde. Schmidt dominiert die ganze Sendung. Er steht für „Pershing statt Petting“. Aus der Friedensbewegung stammt der - nicht ganz ernst gemeinte -  Slogan „Petting statt Pershing“, sozusagen die kleinere Ausgabe von „Make love, not war“.  Zu Recht wirft Erhard Eppler, unter Schmidt Entwicklungshilfeminister, diesem vor, er habe der SPD durch seine Politik die Mehrheitsfähigkeit genommen. Während seiner Kanzlerschaft entstanden die sozialen Bewegungen und die Partei der Grünen.


Ganz falsch liegt Schmidt, wenn er meint, die Geschichte habe gezeigt, dass Doppelbeschluss und Hochrüstung richtig gewesen seien, schließlich hätten sie zur Überwindung des Kalten Krieges geführt. Die Überwindung des Kalten Krieges ist weitgehend ein Verdienst von Michail Gorbatschow. Dass dieser Mann zum Generalsekretär der KPdSU gewählt wurde, lag aber nicht an Schmidts unnachgiebiger Haltung, sondern ganz im Gegenteil an der westdeutschen Friedensbewegung. Wie mehrere Teilnehmer der Wahlsitzung des Politbüros mitgeteilt haben, konnte sich der Hardliner-Flügel bei der Wahl des Generalsekretärs deshalb nicht durchsetzen, weil die Reformer glaubwürdig darlegen konnten, wegen der Friedensbewegung würde von Deutschland keine Gefahr mehr für die Sowjetunion ausgehen.


Die Friedensbewegung setzte große Hoffnungen auf Gorbatschow und seine Reformpolitik. Aber den westlichen Regierungen, gleich welcher Couleur, war dieser Mann ein Dorn im Auge. Kaum war Schmidt abgewählt und Gorbatschow gewählt, verglich Bundeskanzler Kohl den sowjetischen Reformer mit dem Nazi-Propagandaminister Goebbels und US-Präsident Reagan nannte die Sowjetunion „das Reich des Bösen“. Dass an diesem Mann einmal die Wiedervereinigung Deutschlands hängen könnte, war nicht absehbar. Überhaupt: Eine Wiedervereinigung erschien damals im Westen kaum jemandem wünschenswert, geschweige denn überhaupt möglich.

 

Der ZDF-Zweiteiler "Pershing statt Petting" ist in der Mediathek des ZDF unter dem Suchwort "Pershing" online abrufbar.


Besucherkommentare

Ute, 23.08.11 11:13:
Der FAZ hat die Sendung auch nicht gefallen, allerdings aus den entgegengesetzten Gründen - weil nach Ansicht des Rezensenten die Friedensbewegung einseitig positiv dargestellt wird - FAZ vom 2.8., http://www.faz.net/artikel/C30280/im-fernsehen-pershing-statt-petting-geschichtsstunde-mit-schlagseite-30477525.html

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