RB 993

SOZIALE

VERTEIDIGUNG

Konflikte gewaltfrei austragen - Militär und Rüstung abschaffen

Rundbrief 3/1999 des BSV

Redaktion Peter Betz

Schwarzer Weg 8, 32423 Minden (Herausgeber)

V.i.S.d.P. Konrad Tempel

Kostenlos Auflage: 6.500

Druck: ART & IMAGE, Minden

Tel. 0571/29456 Fax 0571/23019

Erscheinungsweise: vierteljährlich

SPK Mi-Lü, BLZ 49050101, Nr. 89420814  

Redaktionsschluß für 3/01, August 2001

e-mail: info(at)soziale-verteidigung.deDiese E-Mail Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

Internet:http://www.soziale-verteidigung.de

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die AG Öffentlichkeitsarbeit des BSV - Projektes "Wege aus der Gewalt", bestehend aus der Kernmannschaft Henry Stahl, Berthold Keunecke und Björn Kunter hat mit viel Engagement, aber auch mit viel Spaß eine Radiosendung zum Thema "Wege aus der Gewalt" produziert, die am 7.10.1999 um 18.00 im Mindener Lokalradio gesendet wird. Diese Sendung ist so gestaltet, daß sie bundesweit in den Lokalfunksendern eingesetzt werden kann und für "Wege aus der Gewalt" wirbt. Alle interessierten Personen / Gruppen können der für Ihre Region zuständigen Lokalfunkgruppe / Medienwerkstatt diese Sendung anbieten. Interessierte melden sich bitte in der Geschäftsstelle des BSV.

Peter Betz


Was gibt es neues?

Seit Anfang des Jahres haben wir umfangreiche Hintergrundpapiere erstellt, die sicher viele interessiert, die uns nahestehen und uns fördern. Das 1. Papier kennen sicher schon einige: "Der Kosovo-Konflikt, Wie geht es weiter?" von Christine Schweitzer. Nun sind noch drei weitere hinzugekommen: Nr.2, 10 Jahre BSV, Beiträge zum Rück- und Ausblick (kostenlos), Nr.3, Kurzdokumentation des Min-dener Projektes "Kreative Konfliktbearbeitung im Kommunalen Zusammenhang", (DM3,-), Nr. 4, "Auf dem Weg ins freundliche Klassenzimmer", Dokumentation eines Projektes zur gewaltfreien Konfliktaustragung an einer Grundschule, Nr.3+4 von Detlef Beck (DM 20,-).

Konkrete Aufgaben

Die Patenschaft für den Arbeitsbereich "Konstruktive Konfliktkultur - pädagogische Umsetzungen in Weiterbildung, Schule und Gemeinwesen" im Internet- Bildungsserver beschäftigt uns nach wie vor in großem Umfang. In diesem virtuellen Haus des Lernens wird eine Informations-, Kommunikations- und Kooperationsplattform angeboten (Mediothek, Schwarzes Brett, Kontakte, Seminarraum, usw...). Auch hier muß der BSV Eigenmittel einbringen, damit die Geschäftsstelle die Betreuungsarbeit leisten kann. Wir bedanken uns bei allen, die uns durch ihre Spenden und ihre Mitgliedsbeiträge ermöglicht haben, unsere Arbeit im gewohnten Umfang zu leisten.

Spenden Sie jetzt

Mittlerweile konnte unser Geschäftsführungsteam, bestehend aus Christine Schweitzer, Sine Kranich, Detlef Beck und Peter Betz, wirklich zusammenwachsen. Wir sind besonders froh, seit dem 1. September Michaela Leising bei uns zu haben, die im Rahmen einer ASS-Stelle die Geschäftsstelle verstärken wird.

Bei dem im Sommer in ein festes Arbeitsverhältnis ausgeschiedenen Roland Lettau bedanken wir uns hiermit recht herzlich für seine Mitarbeit.

Die hier und auf den folgenden Seiten dargestellten Aktivitäten spiegeln nur einen Teil unserer vielfältigen Aufgaben wider, deren Umsetzung nur durch die finanzielle Unterstützung unserer Mitglieder wie auch unserer Spenderinnen und Spender gewährleistet werden konnte. Bitte unterstützen Sie uns auch weiterhin mit Ihren großzügigen Spenden.

Vielen Dank.
Sine Kranich/Peter Betz


Inhalt

    • ".... durch die Hintertür"
    • Neuigkeiten zum Zivilen Friedensdienst
    • Persönlicher Bericht
    • Balkan Peace Team auf dem Prüfstand
    • Wege aus der Gewalt in Oldenburg


Vereinnahmung durch die Hintertür

oder
wie kann eine militär-abstinente Konfliktbearbeitung einer aufstrebenden Weltmacht aussehen?

Gedanken zu einer notwendigen politischen Positionierung nach dem Krieg um Kosovo

Seit März letzten Jahres engagiert sich das Institut für Friedensarbeit und Gewaltfreie Konfliktaustragung, IFGK, intensiv bei der Plattform Zivile Konfliktbearbeitung.

Durch die Mitarbeit des IFGK in der Plattform entstehen Berührungspunkte zu Organisationen und Institutionen, die sich weder als antimilitaristisch verstehen noch dieselben Selbstverständlichkeiten teilen wie sie im friedenspolitischen Milieu gepflegt werden. Manche Selbstverständlichkeiten gelten mit umgekehrtem Vorzeichen und resultieren in Anfragen wie der folgenden: "1. Welche Aufgaben kann ein ziviler Friedensdienst realistischerweise bei der Konfliktprävention, -lösung sowie in der Nach-Konfliktphase übernehmen? 2. Wie kann sichergestellt werden, daß zivile und militärische Instrumente in den verschiedenen Phasen wirksam ineinandergreifen? 3. Welche Rückschlüsse lassen sich aus den bisherigen Erfolgen / Mißerfolgen ziviler Konfliktbearbeitung hinsichtlich des von der Bundesregierung angestrebten Aufbaus einer Infrastruktur zur Krisenprävention und zivilen Konfliktbearbeitung in organisatorischer, personeller, rechtlicher und finanzieller Hinsicht ziehen?" (Fragen zur Vorbereitung eines Ministeriumsgesprächs vom Jan. 1999). Angesichts dieses Fragenkataloges hat es im IFGK im Januar eine Beratung und Meinungsbildung gegeben, die in einer entsprechenden Stellungnahme resultierte.

Die nachfolgende Eskalation hat die Kurzatmigkeit der "zivilen" deutschen Außenpolitik äußerst kraß hervortreten lassen und - noch bedeutsamer - eine erste "erfolgreiche" deutsche Kriegsteilnahme in diesem Jahrhundert besorgt. Und schon dient der Kriegseinsatz deutscher Truppen nun dafür, die Erinnerung an deutsche Kriegsverantwortung auszulöschen durch ein anderes Bild, das deutsche Truppen jetzt auf dem Balkan abgeben. Hiermit wird die Trendwende proklamatorisch eingeläutet. Hiermit stellt sich die Frage, wie sich Friedensarbeit die sich emanzipatorisch versteht und zivil, wie sie sich in Konfliktgebieten zur Politik einer in die erste Liga aufgestiegenen Großmacht verhält. Die abstinenten Zeiten sind vorbei, das "robuste Zeitalter" hat begonnen. Welches sind die zu stellenden Forderungen?

Was sind die eigenen Schritte? Eine Positionsbestimmung in der Friedensbewegung erscheint dringend angesagt. Hierfür erscheint insbesondere die Positionierung zur zweiten Frage bedeutsam. Zur Einleitung einer notwendigen Diskussion dokumentieren wir diesen Teil.

"Wie kann sichergestellt werden, daß zivile und militärische Instrumente in den verschiedenen Phasen wirksam ineinandergreifen?"

(Frage 2 zur Vorbereitung eines Ministeriumsgesprächs)

1. Prämissen

Die Frage geht von einigen Prämissen aus, die zumindest fraglich erscheinen:

    • Es wird eine Kombinierbarkeit von zivilen und militärischen Mitteln unterstellt, von der wir nicht ausgehen.
    • Es wird eine Wirksamkeit von militärischen Mitteln unterstellt, in jeder Konfliktphase noch dazu, die für uns nicht ersichtlich ist.
    • Es wird von einer gleichen Wirkungsrichtung von zivilen und militärischen Mitteln ausgegangen, die für uns nicht erkennbar ist.
    • Es wird von einer Gleichgewichtigkeit von zivilen und militärischen Mitteln ausgegangen, die ebenfalls erst noch hergestellt werden müßte.

2. Instanz zur Konfliktbearbeitung

Bevor außerdem mehr taktische und praktische Fragen zu besprechen sind, sollte der Gesamtkontext von Konfliktbearbeitung durch staatliche Akteure berücksichtigt werden. Hier gibt es besonders das Dilemma, daß eine glaubwürdige Instanz zur Konfliktbearbeitung nach wie vor fehlt.

Eine zivile Konfliktbearbeitung folgt nach unserer Wahrnehmung einer Logik, die letztlich darauf abzielt, zerstörtes Vertrauen wieder herzustellen und gestörte Beziehungen auf eine neue Grundlage zu stellen. In weit eskalierten Konflikten liegt Gewaltanwendung zumindest von einer Seite der Konfliktparteien nahe, und eine sich verantwortlich erklärende Instanz der zivilen Konfliktbearbeitung hat dann die Aufgabe, diese Gewaltanwendung zu unterbinden, Opfer zu schützen und die Konfliktparteien zu trennen.

Bislang ist eine solche Instanz nicht erkennbar, weder die Vereinten Nationen noch Gremien auf europäischer Ebene haben eine entsprechende Verantwortung übernommen, die die Bearbeitung eines bestimmten Konfliktes mit der obersten Priorität ausstattet. Nach wie vor besitzten nationalstaatliche Interessen und Einschätzungen eine größere handlungsleitende Priorität als das Primat einer zivilen Konfliktbearbeitung. Viele Chancen einer frühzeitigen Bearbeitung gehen dadurch verloren, und die Prioritätenliste wird erst durch den CNN-Faktor geändert.

Eine weitere Konsequenz nationalstaatlicher Prioritäten ist derzeit in der Erosion des Völkerrechts erkennbar, wenn die Legitimierung von Militäraktionen nicht mehr an die höchstmögliche vorhandene Instanz gebunden wird, sondern eine Selbstmandatierung erfolgt. Die Bindung von Macht an das Recht und die Unterordnung von Gewalt unter Recht erscheint als eine Grundvoraussetzung jeder Anstrengungen einer Zivilisierung von Konfliktbearbeitung, gerade wenn man sich als staatlicher Akteur nicht ausschließlich auf zivile Mittel zu verlassen traut.

Wer den Aufbau einer Infrastruktur ziviler Konfliktbearbeitung vorantreiben will, hat in der Stärkung von glaubwürdigen Instanzen zur Konfliktbearbeitung und in der Verrechtlichung internationaler Gewaltanwendung ein verdienstvolles Arbeitsfeld.

3. Das Dilemma der zivilen oder militärisch / gewaltsamen Logik

Mit einer zivilen Logik ist gemeint, daß zivile Mittel der Konfliktbearbeitung nach ihren eigenen Dynamiken eingesetzt werden müssen. Beim aktuellen Einsatz wie der Kosovo-OSZE-Mission besteht deren größtes Potential darin, durch ihre Anwesenheit potentielle Zusammenstöße zu vermeiden und durch ihre Aufklärung Verbrechen beider Seiten aufzudecken und Verantwortlichkeiten offen zu legen. Dies ist eine sehr gefahrvolle Angelegenheit und eine schwierige Gratwanderung. Sie kann nur dann gelingen, wenn auch in Serbien ein Vertrauen in eine gerechte Behandlung durch die Mission wächst und wenn eine Instrumentalisierung von Eskalationen durch die UCK verhindert werden kann.

In einer zivilen Logik bräuchte die OSZE-Mission eine Unterstützung durch Initiativen, die beide Seiten in einen Verhandlungsprozess bringen und durch eine Rückendeckung der Mitgliedsstaaten. Ein glaubwürdiger Partner kann die OSZE für die serbische Regierung nicht werden, wenn die Gefahr besteht, daß Massaker generell ihr zugeordnet werden und daß dann Angriffe der NATO drohen.

Da die serbische Führung selber der Logik der Gewalt folgt, ist ein Vertrauensaufbau besonders schwierig. Sie wird jedes Signal im Sinne einer Logik der Gewalt interpretieren und das ist die Logik des Worst Case. Konkret bedeutet dies, daß die Situation sehr schnell eintreten kann, in der die Tragfähigkeit der zivilen Logik bis aufs letzte angespannt wird. Eine erste Krise dieser Art haben wir bereits erlebt, und das Szenario hätte sich sehr leicht dahin entwickeln können, daß die OSZE-Beobachter hätten abgezogen werden müssen, um nicht zu Geiseln zu werden oder selber ins Schußfeld zu geraten. In solchen Situationen kollidieren zivile und militärische Logiken offen miteinander. In der militärischen Logik müssen Sanktionen ausgeführt werden, dürfen Ultimaten nicht straflos mißachtet werden usw., wenn kein Glaubwürdigkeitsverlust eintreten soll. Hieraus folgt ein mächtiger Handlungsdruck. Wenn nach einer Regelverletzung das zivile Personal erst abgezogen werden muß, dann bedeutet dies einen Zeit- und Gesichtsverlust.

Über Fragen von Strategie und Taktik militärischer Kriegsführung gibt es eine lange Tradition von Literatur und Lehre. Fast gänzlich unbekannt sind dagegen die Dynamiken und Wirkungsmechanismen von gewaltfreien Ansätzen der Konfliktbearbeitung, die für die Logik einer zivilen Konfliktbearbeitung möglicherweise wichtige Hinweise geben können. Eine konsistente Konzeption von ziviler Konfliktbearbeitung ist mir nicht bekannt. Allenfalls gibt es Untersuchungen über erfolgreichere und weniger erfolgreiche Strategien der zwischenstaatlichen Konfliktbearbeitung, die sich aber auf den Kontext des kalten Krieges oder auf Einflußmöglichkeiten in regionalen Konflikten beziehen. Vielleicht erklärt auch diese konzeptionelle Unsicherheit etwas den schnellen Rückgriff auf bekannte Interaktionsmuster und die Unsicherheit, eine zivile Variante konsequent aufzubauen.

Tatsächlich erscheint die Kombination von zivilen und militärischen Mitteln mehr Fragen aufzuwerfen als vielleicht vermutet. In der Literatur zur Sozialen Verteidigung ist der Mix von militärischen und zivilen Mitteln diskutiert worden. Vielleicht lassen sich aus dieser Diskussion einige Hinweise für Kriterien von Kombinationen übertragen.

4. Gleichgewichtigkeit der Mittel

Im Verhältnis ziviler zu militärischen Mitteln ist zunächst das krasse Mißverhältnis der jeweils zur Verfügung stehenden Mittel festzustellen. Wenn man es mit dem Ausbau einer zivilen Konfliktbearbeitung ernst meint, müßte man korrekterweise für einen Gleichstand der Ausrüstung sorgen. Welche zivilen Handlungsoptionen stünden z.B. zur Verfügung oder könnten entwickelt werden, wenn in einem Konflikt, in dem sich die Bundesregierung mit militärischen Mitteln engagiert, die gleiche Summe für zivile Möglichkeiten bereitgestellt würde? Mit einem solchen Junktim ließe sich die Reichweite von zivilen Mitteln vermutlich recht schnell vervielfachen. Zumindest aber gewänne man einen Eindruck von den offen stehenden Optionen, die zu entwickeln wären. Man muß sich vergegenwärtigen, daß der Bereich der zivilen Konfliktbearbeitung faktisch ganz am Anfang einer Entwicklung steht. Und man muß den Mut haben, in ein neues Feld zu investieren." (Die vollständige Stellungnahme ist beim BSV beziehbar.)

Barbara Müller


Ziviler Friedensdienst - ein neues Element der Entwicklungszusammenarbeit Stand 1.8.99

Unter diesem Titel hat das Entwicklungsministerium (BMZ) am 9.6.99 ein Rahmenkonzept für den Aufbau eines Zivilen Friedensdienstes vorgelegt. Diesem gingen eine Reihe von Entwürfen voraus, an deren Überarbeitung und Ergänzung das forumZFD und an einigen Stellen auch Vertreter des BSV mitgewirkt haben. Es ging dabei vor allem darum, den Wirkungsbereich der Friedensdienste - also der Organisationen, die im forumZiviler Friedensdienst und in der AGDF (Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden) zusammengeschlossen sind - in das Konzept einzubeziehen und den regierungsunabhängigen Ansatz insgesamt zu verstärken. In einem MEMORANDUM, das in einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit übergeben wurde, meldete insbesondere das Forum als Wegbereiter des ZFD seinen Anspruch auf Mitwirkung beim Aufbau eines ZFD an.

Rückblick

Zur Erinnerung: In den ersten Monaten der neuen Regierung bestand die Absicht, dem staatsnahen DED (Deutscher Entwicklungsdienst) den Aufbau des ZFD einschließlich der erforderlichen Ausbildung zu übertragen. Dagegen gab es massive Proteste aus den Mitgliedsorganisationen des Forums und dem weiteren Umfeld, aber auch von den übrigen Entwicklungsdiensten. Das ,Konsortium Ziviler Friedensdienst', ein bereits bestehender Zusammenschluß der Entwicklungsdienste u.a. auch des DED einerseits und der Friedensdienste (also AGDF und Forum) andererseits, erarbeitete eine gemeinsame Stellungnahme, die die Arbeit der Friedensdienste als Teil der Entwicklungszusammenarbeit betonte und ihnen die aktive Beteiligung in einer pluralen Struktur eröffnete. Zugleich wurden die langjährigen Erfahrungen von AGDF und Forum in der Verantwortung für das Ausbildungsvorhaben in NRW anerkannt. Das Rahmenkonzept schreibt daher auch die Aufgabe der Ausbildung zum ZFD diesen beiden Organisationen gemeinsam mit dem DED zu.

Gegenwärtige Situation

Zügig nach der Verabschiedung des o.g. Rahmenkonzeptes im BMZ - hier gab es noch beträchtlichen Abstimmungsbedarf auch mit dem Auswärtigen Amt - erfolgte dann auch die Freigabe der im Haushalt vorgesehenen 5 Millionen für den Aufbau des Friedensdienstes, die zwischen Ausbildungsmaßnahmen sowie den Friedens- und Entwicklungsdiensten aufgeteilt werden müssen. Bis 15. Juli mußten die entsprechenden Projektanträge gestellt sein. Mit großer Intensität laufen jetzt die Vorbereitungen, um möglichst bald mit der Entsendung ausgebildeten Personals in Zusammenarbeit mit den Entwicklungsdiensten beginnen zu können. Für den derzeit laufenden NRW - Ausbildungskurs ist bereits eine Förderung durch das BMZ vorgesehen.

Der Zivile Friedensdienst ist Wirklichkeit geworden, jedoch in einer Ausgestaltung, die (noch) nicht unseren grundlegenden Vorstellungen entspricht. Im folgenden soll daher in aller Knappheit eine Einschätzung der gegenwärtigen politischen Situation, wie sie sich im o.g. Konzept des BMZ darstellt, erfolgen.

Kritische Punkte:

Mit den Sätzen "Über Gesamtprogramm und Einsätze des ZFD entscheidet das BMZ in Einvernehmen mit dem Auswärtigem Amt (AA)" und "ZFD-Einsätze erfolgen auf der Grundlage der Zustimmung der Regierung des Partnerlandes oder des Einverständnisses des AA" ist mehr staatliche Einbindung festgeschrieben, als es die Beteiligten Nichtregierungsorganisationen für vertretbar halten. Hier hat sich nach unseren Informationen das AA gegenüber dem BMZ durchgesetzt. Die Umsetzung des ZFD auf der gesetzlichen Grundlage des "Entwicklungshelfergesetzes" und die Personalentsendung im sog. ,,HuckepackVerfahren", also über eine Kooperation mit einzelnen Entwicklungsdiensten, erschwert die Arbeit der Friedensdienste und bedeutet Ungleichheit. Andererseits war dies die einzige Möglichkeit, kurzfristig eine gesetzliche Absicherung einschl. Unterhalt für die Friedensfachkräfte zu gewährleisten. Die Eigenständigkeit der Friedensdienste in der Projektplanung und - verantwortung soll von dieser Regelung unberührt bleiben.

Die Tatsache, daß der DED im Sinne einer Außenverlagerung einer Aufgabe des BMZ die Mittelverwaltung für den ZFD übernehmen soll, ist keine ideale Lösung.

Wir hätten uns für diese Aufgabe eine unabhängige Stelle gewünscht, die nicht selber Zuwendungsempfänger ist. - Andererseits ist geplant, einen paritätisch besetzten "Programmausschuß" Richtlinien für die weitere Arbeit entwerfen zu lassen, so daß damit der DED mehr oder weniger nur Abrechnungsstelle wäre.

Im Rahmenkonzept heißt es, daß ,,erfahrene Fachkräfte mit Regionalkenntnissen" für die Konfliktarbeit qualifiziert werden sollen. Entsprechend dem Entwicklungshelfergesetz setzt dies Auslandserfahrung und vorhandene regionale Kenntnisse voraus - Bedingungen, die nicht von allen ,,Friedensdienstlern", die sich um einen Projekt- und Ausbildungsplatz bewerben, erfüllt werden. Auch hier könnte sich der deutliche Zuschnitt auf die Entwicklungshilfe erschwerend auswirken.

Für alle diese kritischen Punkte gilt:

Die konkrete Umsetzung muß zeigen, wie weit dem speziellen Ansatz der Friedensdienste Raum und gleichberechtigte Chancen eingeräumt werden. Dazu bedarf es ständiger wacher Kontakte mit den beteiligten Diensten und dem BMZ - aber auch intensiver Bemühungen zur Weiterentwicklung des Konzeptes und seiner gesetzlichen Grundlagen.

Positive Punkte:

Eine ganze Reihe von positiven Punkten hat das forumZFD bewogen, trotz der obigen Bedenken dem Konzept zuzustimmen und in dem dort vorgegebenen Rahmen Projektanträge zu stellen.

Mit Zustimmung der Bundesregierung wird es einen ZFD geben. Mit dem Namen sind zugleich wesentliche Teile unserer konzeptionellen Vorarbeit von allen Beteiligten akzeptiert, teils sogar mit Nachdruck begrüßt worden. Das forumZFD ist als einer von mehreren Trägern des neuen Dienstes anerkannt. Durch die Formulierung ,Ziviler Friedensdienst in der Entwicklungszusammenarbeit' bleibt offen, daß es daneben zivile Konfliktarbeit auch in anderen Zusammenhängen und unter anderen Ressorts geben wird. Damit bleibt der von uns favorisierte Querschnittsansatz des ZFD prinzipiell erhalten, bedarf aber weiterer Bemühungen zur Verwirklichung.

Der "schrittweise Aufbau" des ZFD läßt Raum für konzeptionelle Weiterentwicklungen, sowie die Verständigung über ,,Standards", für die ein Programmausschuß, vor allem aber das Konsortium ZFD zuständig sein werden, in dem die Friedensdienste beteiligt sind.

Die Notwendigkeit einer zusätzlichen Qualifizierung von Fachkräften wird

im Konzept hervorgehoben. Durch die Verstetigung des NRW-Vorhabens mit Förderung des BMZ und der Beauftragung des Forums und der AGDF mit der Ausbildung wird den Friedensdiensten eine besondere Kompetenz auf diesem Gebiet zuerkannt. Das Rahmenkonzept eröffnet Möglichkeiten für die Mitgliedsorganisationen des Forums sowie für das Forum selbst, Projektförderung zu erhalten und Personal nach dem Entwicklungshelfergesetz abgesichert zu entsenden. In vieler Hinsicht wird sich das nun vorliegende Konzept in der Praxis bewähren müssen und seine Vor- und Nachteile werden dabei deutlicher erkennbar werden. Das Konsortium kann dabei als gemeinsames Korrektiv der NGOs gegenüber staatlichen Stellen wirksam werden. Weiterhin bedarf es intensiver Kontakte und Vertrauensbildung, um die Eigenständigkeit des Zivilen Friedensdienstes als zivilgesellschaftliche Aufgabe zu sichern.

Helga Tempel


Ausbildung in Ziviler Konfliktbearbeitung.

Ein persönlicher Bericht von Morana Smodlaka

Der folgende Bericht wurde von Morana Smodlaka, eine der Teil-nehmerInnen an dem laufenden sog. "NRW-Kurs" in Ziviler Konfliktbearbeitung geschrieben. Der viermonatige, vom Land NRW und erstmalig dem Bundesentwicklungsministerium kofinanzierte Kurs umfaßt auch eine zweiwöchige Praktikumsphase, die Morana im Büro des Bund für Soziale Verteidigung in Minden ableistet.

Während ich als Trainerin für eine internationale NGO mit Flüchtlingen, Vertriebenen und Rückkehrern in Kroatien arbeitete, erhielt ich von einer Teilnehmerin an einem früheren Kurs Informationen über das Training in Ziviler Konfliktbearbeitung. Vor meinem letzten Job studierte ich Psychologie, aber mir wurde klar, daß dies nicht ausreichte, daß mir immer noch das Wissen und die Techniken für erfolgreiche Konfliktbearbeitung fehlten. Sich Frieden wünschen und für ihn arbeiten ist manchmal nicht genug, wenn du nicht genügend qualifiziert bist. Das viermonatige Training schien gerade das zu sein, was mir fehlte. Die Träger der Ausbildung halfen mir, eine Organisation zu finden, die mich unterstützte. Es ist Pax Christi, die für ihr Projekt in Kroatien eine neue Friedensfachkraft suchten.

So fand ich mich wenige Wochen später in Bonn wieder, mit einer Gruppe von Erwachsenen in einem Haus, das wie ein Internat aussieht (und auch die gleichen Auswirkungen auf die dort Wohnenden hat.) Die Arbeitszeit geht von 9-18 Uhr, mit einer längeren Mittagspause dazwischen. Danach trifft sich eine sog. Gruppo Sportivo und vergießt unter dem Stichwort "Burnout Prevention" eine Menge Schweiß. Es gibt auch eine Sport-Gruppe an den Morgenden, aber darüber weiß ich nicht viel, weil ich noch in süßen Träumen liege, während sie herumspringt.

Am Anfang hatte ich etwas Angst - ich war nicht sicher, ob meine Deutschkenntnisse ausreichen würden und ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, aber mit Fortgang des Trainings fühlte ich mich immer besser. Die Methoden in dem Kurs sind von ihrer Art her erfahrungsorientiert, hinzu kommt etwas Theorie und viel Arbeit an der eigenen Persönlichkeit. Auch Gruppendynamik spielt eine wesentliche Rolle. Dies sind auch die Dinge, die mich am meisten beeindrucken: die eigenen Einstellungen reflektieren, mich mit meiner eigenen Gewalt/ Gewaltfreiheit konfrontieren, mich als Mitglied einer Gruppe erleben. (Obwohl es Zeiten gab, wo ich dachte: "bitte, bitte, nicht noch ein Rollenspiel".)

Die Gruppenzusammensetzung ist multikulturell. Die TeilnehmerInnen stammen aus den Niederlanden, Kamerun, Rumänien, Kroatien und natürlich die Mehrheit aus Deutschland. Dies macht das Training viel interessanter, weil jede/r ihre/seine eigenen kulturellen und beruflichen Erfahrungen mitbringt. Die Projekte, in denen wir später arbeiten werden, zeigen ebenfalls die große Bandbreite an Möglichkeiten auf: Monitoring, Menschenrechte, Trauma, Konfliktbearbeitung, Versöhnungsarbeit im Tschad, El Salvador, Israel, Zimbabwe, Kosovo, Kroatien, Bosnien und Namibia. Indem wir die verschiedenen Konflikte aus der ganzen Welt analysieren, finden wir eine gemeinsame Grundlage für sie alle. Damit ist auch eine Hoffnung verbunden: Du kannst einen Konflikt konstruktiv bearbeiten, du brauchst nur das "Know How" dafür!

Die erste Phase des Kurses liegt jetzt hinter mir, und einiges an "Know How" ist schon in meinem Koffer. Jetzt bin ich gerade in dem zweiwöchigen Praktikum, das dazu dienen soll, die gelernte Theorie mit der Praxis zu verbinden. Danach folgen, mit neuen Erfahrungen und neuen Fragen, neun weitere Wochen in einem anderen Internat, wo wir noch mehr Know How anhäufen werden. Und dann kommt, im nächsten Jahr, die Anwendung des "Know How" in Kroatien.

Morana Smodlaka


Balkan Peace Team vor neuen Herausforderungen

Nach dem Ende des Krieges im Kosovo sieht sich das Balkan Peace Team vor der Frage, welchen Beitrag es dazu leisten kann, die Gewalt und Spannungen zwischen den Volksgruppen im Kosovo abzubauen und jene Gruppen zu unterstützen, die für den Aufbau einer wirklichen Zivilgesellschaft eintreten. Der Einmarsch der NATO und der Aufbau einer UN-Zivilverwaltung haben bislang im Kosovo nur höchst unvollständig zu einer Befriedung der Lage geführt. Übergriffe auf Serben und Roma finden weiterhin statt; dazu kommt die extreme Zunahme organisierter Kriminalität. Die verschiedenen politischen Strömungen im Kosovo (repräsentiert u.a. vom Vorkriegspräsident Rugova, dem Führer der Befreiungsarmee Thaci und dem Journalisten Veton Suroi, der bislang die deutlichsten Worte gegen die Racheakte gegen Serben fand) wurden von der UN in einen Provisorischen Rat zusammengebracht, ohne daß es gelungen wäre, die Strömungen dadurch zu einer wirklichen Zusammenarbeit zu bewegen. Aber es gibt auch positive Zeichen. Die rasche Rückkehr fast aller Flüchtlinge und Vertriebenen, die die internationalen Hilfsorganisationen verblüffte, macht deutlich, daß die Menschen im Kosovo einen schnellen Wiederaufbau wollen und bereit sind, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Neben den unzähligen Berichten von Vertreibung und Gewalt stößt man auch immer wieder auf Berichte von serbischen und albanischen Nachbarn, die sich geholfen haben und von serbischen Polizisten, die BürgerInnen vor dem Angriff paramilitärischer Einheiten gewarnt haben. Fast alle kosovo-albanischen Nichtregierungsorganisationen, die vor dem Krieg tätig waren, haben ihre Arbeit wieder aufgenommen. Und auch wenn derzeit wenig Kontakte zwischen ihnen und Gruppen in Serbien bestehen, so sind die Verbindungen doch nicht ganz abgebrochen. Das derzeit aus zwei Amerikanern und einem Waliser bestehende Team des BPT hat inzwischen einige konkrete Projektvorschläge entwickelt, die jetzt weiterentwickelt und auf der Mitgliederversammlung des Balkan Peace Teams im November in Bonn/Köln endgültig beschlossen werden sollen.

Kroatien

Die Arbeit des BPT in Kroatien hat in diesem Sommer/Herbst eine Unterbrechung erfahren, als zwei Freiwillige aus persönlichen Gründen vorzeitig die Arbeit abbrachen. Das Koordinierungskomitee des BPT konnte sich auf seinem Treffen Mitte September nicht endgültig darüber verständigen, ob die Arbeit in Split/Knin in ihrer bisherigen Form wiederaufgenommen werden oder ob die Unterbrechung als Anlaß genommen werden soll, die Tätigkeit in Kroatien neu zu gewichten oder ganz zu beenden. Der nächste Schritt ist jetzt eine Erkundungsmission in der Region. Eine Entscheidung wird ebenfalls auf der Mitgliederversammlung im November fallen.

Serbien

Derzeit ist die Rückkehr eines Teams nach Serbien noch nicht möglich, u.a. weil das Problem der Beschaffung von Aufenthaltsvisa sich gegenüber der Zeit vor dem Nato-Krieg noch verschärft hat. Das BPT hat aber bekräftigt, das es auf jeden Fall wieder in Jugoslawien/Serbien tätig werden und seine Arbeit nicht auf den Kosovo beschränken will. Es wird gehofft, daß sich im Winter oder nächsten Frühjahr Möglichkeiten zu einer Wiederaufnahme der Arbeit, dann wahrscheinlich mit einem neuen Team, ergeben werden.

Christine Schweitzer

Freiwillige gesucht

Das BPT sucht BewerberInnen, die an einem Freiwilligeneinsatz in Kosovo, Serbien oder Kroatien für die Dauer eines Jahres interessiert sind. Weitere Informationen: Balkan Peace Team, Eric Bachman /Dorie Wilsnack, Schwarzer Weg 8, 32423 Minden, Tel. 0571/20776


"Wege aus der Gewalt. Wege aus dem Krieg."

Mit Unterstützung der DFG-VK Niedersachsen-Bremen engagiert sich ein Bündnis von Studierenden und Lehrenden für eine Zusammenarbeit der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg mit internationalen NGOs, die auf dem Feld der gewaltfreien Konfliktaustragung wirken.

Während des Krieges gegen Jugoslawien bildete sich an der Universität Oldenburg eine Initiative, die sich der überwiegenden Zustimmung aber auch der Gleichgültigkeit gegenüber dem NATO-Krieg von Seiten der Studierendenschaft und der breiten Öffentlichkeit entgegenstellte. Mittels Straßentheater wurden in der Innenstadt und auf dem Gelände der Uni symbolisch Luftangriffe der NATO mit ihren Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung dargestellt. Profs und Studis hielten neben den Warteschlangen zur Mensa spontan Reden gegen den Krieg. An Infotischen wurde Unterschriften für die Aufnahme von Deserteuren gesammelt.

Am 13.7.99 lud das selbe Bündnis und die DFG-VK zu einer Diskussionsveranstaltung zum Thema: "Wege aus der Gewalt/dem Krieg. Ausbildung in Ziviler Konfliktbearbeitung an der Uni?"

Es wurde über folgende Fragen diskutiert: Ist die Universität der richtige Ort dafür, alternative, gewaltfreie Methoden der Konfliktaustragung mehr ins öffentliche Bewusstsein zu rücken? Soll der Studiengang Pädagogik die institutionalisierte Ausbildung von Friedensfachkräften möglich machen?

Jens Ilse begrüßte im Namen des Bündnis und der DFG-Vk die Anwesenden und führte in das Thema ein.

Andreas Speck (WRI, Patchwork - Verein zur Förderung demokratischer Selbstorganisation) brachte einige historische Beispiele, z.B. von der "Friedensarmee" (Shanti Sena) 1957 in Indien, wo mehrere Tausend Aktivisten in die Straßenunruhen zwischen Hindus und Moslems versöhnend und vermittelnd eingriffen. Weiter stellte Andreas die Grundgedanken des zivilen "Eingreifens" von NGOs - wie z.B. des Balkan Peace Teams oder der Kurve Wustrow - dar, die darauf zielen, gewaltfreie gesellschaftliche Prozesse zu unterstützen, diejenigen Menschen und politischen Gruppierungen zu fördern, die für gewaltfreie Lösungen, für Verständigung und Ausgleich eintreten.

Bernd-Uwe Gütling (Konfliktberater bei Konfliktschlichtung e.V. in Oldenburg) berichtet von seinen Erfahrungen, daß der konstruktive Umgang mit Konflikten erlernt werden, das erworbene Wissen gesellschaftlich angewendet und weitergegeben werden kann. Konflikte müssen mehr als etwas positives begriffen werden, die während ihrer friedlichen Austragung ein besseres Kennenlernen der Konfliktparteien untereinander ermöglichen können. Konkrete Ansatzpunkte könnten über Schule und Jugendarbeit erfolgen. Mit Gewaltpräventionsarbeit versucht beispielsweise seine Organisation SchülerInnen eine zivile Streitkultur, Zivilcourage und Toleranz nahe zu bringen. Klassenweise führen sie in Schulen Konflikttraining durch und bilden in Arbeitsgruppen jugendliche "FairMittler" aus, die ähnlich wie Mediatoren schlichtend in die Konflikte der Schüler eingreifen sollen.

In der abschließenden Diskussion stellte sich schnell heraus, dass die Uni nicht gut geeignet ist für die Ausbildung von Friedensfachkräften.

Zustimmung fand jedoch die Idee, dass die Studiengänge - wie z.B. Pädagogik, Sozialwissenschaften - interdiziplinäre Forschungsgruppen von Studierenden und Lehrenden bilden könnten, die die Arbeit der NGOs wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Im gegenseitigen Austausch zwischen NGOs und Forschung könnten so Projekte der zivilen Konfliktbearbeitung auf ihre langfristigen Wirkungen überprüft und dokumentiert werden. Die in den einzelnen Projekten entwickelten Methoden und Erfahrungen könnten in wissenschaftlichen Arbeiten leichter anderen Bewegungen zugänglich gemacht werden oder gar in den pädagogischen und sozialwissenschaftlichen Studiengängen Verwendung finden. Denkbar wäre auch die Schaffung einer Informationsbörse innerhalb der Universität, die Erkenntnisse über vergangene und gegenwärtige Projekte sammelt. Ergänzend könnte ein Register über militärisch und gewaltfrei ausgetragene Konflikte entstehen, wie schon eines in Schweden existieren soll.

Einige während der Veranstaltung anwesenden Lehrende, u.a. Wolfgang Nitsch aus dem Fachbereich Pädagogik, versicherten, dass sie sich für eine Ringvorlesung "Projekte der zivilen Konfliktbearbeitung" im kommenden Wintersemester einsetzen würden. Weiterhin wollten einige die Machbarkeit von interdisziplinären Forschungsgruppen überdenken.

Info: DFG-VK Landesverband Niedersachsen/Bremen, c/o Jens Ilse, Karl-Bunje-Str. 20, 26129 Oldenburg, Tel/Fax 0441/5940449, gibson(at)hrz1.uni-oldenburg.deDiese E-Mail Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können


Gastbeitrag

aus einem Artikel von Ekkehardt Krippendorf, erschienen in der Frankfurter Rundschau vom 7.6.99

Was wir mit dem Sieg der Nato über Jugoslawien miterleben - als ,,historische Zeitzeugen" sozusagen - ist die Geburt des politischen Europas aus dem Geiste der militärischen Gewalt: zeitgleich mit dessen Geburt aus dem Geiste des Kapitals in Form der Schaffung des Euro.

Es ist ein gewalttätiges Europa, das da im Entstehen ist - ein Europa, das jeden Zweifel an dem Nutzen des Militärs für die Gestaltung einer zivilen politischen Ordnung erstickt. Das vor Jahren als Schreckgespenst an die Zukunftswand gemalte Bild Europas als militärische "Supermacht" - mit Fischers Hilfe wird es Wirklichkeit. Atomar bewaffnet ist es schon - wer will da die Neuauflage atomarer Diplomatie zwischen Rußland, China und den USA, wie sie uns 40 Jahre Kalter Krieg und jetzt Indien und Pakistan vorexerzieren, völlig ausschließen?

Dieses militärische Europa wird sich formieren, nicht nur, indem ausgerechnet der Nato-Generalsekretär, also derjenige, der sich als Geschäftsführer eines Kriegsbündnisses qualifiziert hat, ins Amt des ersten ProtoAußenministers der EU überwechselt, sondern durch die Errichtung einer Militärverwaltung im besiegten Jugoslawien/Kosovo. Die interne Befriedung Europas mittels Gewalt, mittels des Militärs - eine Perspektive, die schaudern macht.

Das Aufregende und Große an Politik besteht gerade darin, Konflikte gewaltfrei, durch Argumente, durch Mehrheiten, durch Überzeugungsarbeit, durch ,,Demokratie", also durch ,,Volksherrschaft" zu lösen.

Der Nato-Sieg in Jugoslawien ist eine Niederlage der Politik - und eine Niederlage von historischer Dimension. Gerade hier hatte die Möglichkeit bestanden, gewaltfreie Methoden einzusetzen und zu erproben.

Denn tatsächlich gab es zu jeder Zeit sehr konkrete und ,.operationable" gewaltfreie Antworten auf die Gretchenfrage: ,,Wie kann das serbische Regime an der Verwirklichung seiner kriminellen Vertreibungspläne gehindert werden?"

Es wurde ihnen von niemand und zu keiner Zeit eine Chance gegeben - sie wurden nicht einmal zur öffentlichen Debatte, in der doch scheinbar alles gesagt und jede Position vertreten wurde, zugelassen - außer in der inhaltsleeren Formel, diejenigen, die den Krieg tatsächlich wollten, hätten noch länger ,,verhandeln" sollen.

Ekkehart Krippendorf, Jahrgang 1934, ist Professor für Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin