RB 982

SOZIALE

VERTEIDIGUNG

Konflikte gewaltfrei austragen - Militär und Rüstung abschaffen

Rundbrief 2/98 des Bundes für Soziale Verteidigung e.V.
Schwarzer Weg 8, 32423 Minden (Herausgeber)
Tel. 0571/29456 Fax 0571/23019
SPK Mi-Lü, BLZ 49050101, Nr. 89420814

Kostenlos Auflage: 5.800 K 4361 F
V.i.S.d.P. Marion Keppler
Erscheinungsweise: vierteljährlich
Redaktionsschluß für 3/98, 22.Juli 1998

Liebe Leserin, lieber Leser!

Zu unserer großen Freude konnten
wir auf der Jahrestagung mehrere "neue" junge Leute
begrüßen. Durch ihre kritischen
Nachfragen angeregt, haben wir jetzt einen ersten Schritt
unternommen:
Der BSV ist im Internet! Mit ausgesprochen
freundlicher Unterstützung durch Erwin Eisenhardt
von der DFG-VK sind wir jetzt unter der Adresse

www.dfg-vk.de/bsv/

zu erreichen.
Wir würden uns über Kritik, Anregungen und witzige Ideen
gerade von jungen Leuten sehr freuen.

Das BSV-Team

Inhalt:

Balkan Peace Team
IFGK
Gandhi, Dolci, King
forum ZFD
Info
Adieu Kurt!
Was tun wir, Rückmeldungen

Der Zivile Friedensdienst und die Perspektiven des BSV

Neue Anregungen und Impulse für die Weiterentwicklung des ZFD standen im Mittelpunkt der diesjährigen Jahrestagung des BSV.

Als Einstieg in die Thematik diente eine Podiumsdiskussion über die politische Zukunft des ZFD. Ute Koczy, Andreas Körner (beide Bündnis90/Grüne), Helga Tempel (Forum ZFD), Kurt Südmersen (BSV) und Uwe Trittmann (Forum ZFD und BSV) hatten die Gelegenheit, ihre Vision "ZFD im Jahr 2005" in den Raum zu stellen. Dabei kristallisierten sich schon einige Punkte heraus, die von allen für zukunftsweisend betrachtet werden: Internationalität der Teams, Institutionalisierung, Einbettung in einen breiteren Rahmen ziviler Konfliktbearbeitung. Daneben wurde aber auch deutlich, bei welchen Themen noch Diskussionsbedarf besteht, z.B. bei Fragen der Trägerschaft des ZFD, der Art der Ausbildung oder den möglichen Einsatzfeldern.

Die Möglichkeit, diese (und weitere) Themen zu vertiefen, bot sich am Samstag in drei verschiedenen Foren. Die Diskussion in den Foren mündete in konkrete Empfehlungen für die Weiterarbeit des BSV, wovon hier nur einige kurz dargestellt werden können.

Aus Forum 1 (Thema: Aufgabenprofil und Selbstverständnis des ZFD) erging an den BSV die Empfehlung, die Ausbildung in drei Bereichen konzeptionell zu entwickeln und zu vertreten: Grundausbildung, Spezialisierung, projektbezogene Vorbereitung. Projekte sollen auch für das Inland entwickelt werden. Gefordert wurde zudem eine offensive politische Lobbyarbeit im bevorstehenden Wahlkampf.

Im Forum 2 ging es um das Verhältnis des ZFD zur Sicherheitspolitik. Hervorzuheben ist, daß hierbei durch die Anwesenheit von Herrn Oberstleutnant Dr. Vad, eine direkte Auseinandersetzung mit der Sichtweise und den Konzepten des Militärs ermöglicht wurde. Als Empfehlungen festgehalten wurden u.a: die strukturelle Unabhängigkeit des ZFD im Blick zu behalten; keine Teilnahme an militärgestützten Interventionen; Beratungskompetenz zu entwickeln und diese in Regierungshandeln einzubringen.

Im Forum 3 wurde die Frage diskutiert, während welcher Konfliktphasen der ZFD ein geeignetes Instrument darstellt bzw. wo sein Platz im Rahmen ziviler Konfliktbearbeitung ist. Es wurde konstatiert, daß der ZFD ein Instrument von ziviler Konfliktbearbeitung ist, in bestimmten Konfliktphasen jedoch ein Zusammenspiel mit anderen Instrumenten als sinnvoll betrachtet wird. Eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit für zivile Konfliktbearbeitung und ZFD wird für sehr wichtig gehalten. Auf der MV am Sonntag morgen wurden Vorstand und Geschäftsstelle für das Jahr 1997 entlastet sowie der Haushaltsplan für 1998 angenommen. Berichtet wurde außerdem über die laufenden Projekte und AGs.

Insgesamt hat die Tagung wieder gezeigt, wieviel Fruchtbares entstehen kann, wenn engagierte Menschen zusammenkommen und miteinander neue Ideen entwickeln. Für die weitere Arbeit des BSV war das Wochenende jedenfalls eine große Ermutigung! Burkhard Bläsi


Möglichkeiten und Grenzen eines Friedenseinsatzes:

Die Arbeit des Balkan Peace Team im Kosovo

Das Balkan Peace Team ist in der Bundesrepublik Jugoslawien vor allem mit dem Ziel tätig, eine gewaltfreie Lösung des Kosovo-Konfliktes zu unterstützen. Das BPT ist seit 1994 im Kosovo präsent. Am Anfang stand eine 'exploratory Mission', die den Auftrag hatte, die Lage vor Ort zu erkunden und die Möglichkeiten eines Teameinsatzes auszuloten. Seit 1995 konnte dann nach anfänglichen Schwierigkeiten ein permanentes Team aufgebaut werden. Der Sitz des Teams ist aus Sicherheitsgründen in Belgrad, von wo aus regelmäßig Reisen in den Kosovo unternommen werden.

Die gleichzeitige Präsenz in Belgrad und Pristina hat sich mittlerweile als äußerst positive Strategie bewährt, da es hierdurch möglich wurde, zahlreiche Kontakte zu serbischen Menschenrechts- und Friedensgruppen in Belgrad ebenso wie zu Kosovo-albanischen NGOs zu knüpfen. Da selbst in Kreisen der lokalen Friedensbewegung, die sich als Oppositionelle der Milosovic-Regierung verstehen, eine Trennung der serbischen und albanischen Bewegung vorzufinden ist, die sich, wenn nicht sogar feindlich, äußerst distanziert gegenüberstehen, ist dem Team hierdurch die Kontaktaufnahme zu beiden 'Lagern' gelungen.

Unterstützung der lokalen Gruppen

In den Jahren 1995 und 1996 war das Team vorwiegend damit befaßt, die zivile Gesellschaft durch die Unterstützung der lokalen Friedens- und Menschenrechtsgruppen zu stärken. Hierbei wurden wichtige Schritte in Richtung Vertrauensbildung mit den lokalen Partnern und der Etablierung eines stabilen Kontaktnetzes vollzogen. Gleichzeitig fungierte das Team als internationaler Beobachter der Situation und hat durch seine regelmäßigen Berichte wichtige Informationen über die Entwicklung der Situation geliefert.

Diese langwierige und teilweise mühsame Aufbauarbeit hat sich dann 1997 ausgezahlt:

Die Vertrauensbasis war zu serbischen und albanischen Gruppen so stabil, daß es auf der untersten gesellschaftlichen Ebene möglich wurde, erste Dialoge zwischen den Parteien herbeizuführen. Das erste 'Dialogprojekt' brachte Kosovo-Albaner mit Serben in dem Friedenszentrum in Nis in Kontakt. Das Ergebnis war sehr positiv: beide Seiten konnten ihre Vorurteile ein Stück weit abbauen, und es wurden von nun an Albanern, die in der Nähe von Nis Familienangehörige im Gefängnis besuchten, Übernachtungsmöglichkeiten im Zentrum angeboten.

Weitere Bemühungen führten dazu, daß sich im Herbst 1997 die beiden Studentenbewegungen, die bis zu diesem Zeitpunkt völlig isoliert voneinander arbeiteten, mit einem ersten Dialog einverstanden erklärten. Es konnte sogar erreicht werden, daß Vertreter der serbischen Studentenbewegung bereit waren, als Beobachter bei den Studentendemonstrationen der Albaner in Pristina teilzunehmen, was eine gewisse Solidarisierung zeigt.

Kritiker und Außenstehende mögen nun angesichts der jüngsten militärischen Übergriffe beider Seiten, vor allem aber des Serbischen Staates, fragen, was diese Maßnahmen in puncto Prävention von Gewalt wirklich genützt haben.

Die Möglichkeiten und Grenzen eines solchen Friedenseinsatzes werden an diesem Beispiel sehr deutlich:

Die Maßnahmen und Methoden greifen zunächst 'nur' auf der untersten gesellschaftlichen Ebene und haben mit einem Drei-Personen-Team zwangsläufig eher punktuellen Charakter.

Ihre volle Wirksamkeit können solche Einsätze erst entfalten, wenn sie auf allen gesellschaftlichen Ebenen, einschließlich der Regierungsebene, angewendet werden. Die Chance, in dieser Richtung günstige gesamtpolitische Rahmenbedingungen zu schaffen, hätte die internationale Gemeinschaft beim Daytoner Friedensabkommen gehabt. Sie ist allerdings leichtfertig vertan worden, da die Kosovo Frage einfach ausgespart wurde. Die Folgen sind unübersehbar. Hoffentlich haben die gegenwärtigen Bemühungen um Gespräche zwischen den Konfliktparteien auf Regierungsebene Erfolg und können die Versäumnisse der Vergangenheit nachholen.

Freiwillige gesucht

Das BPT sucht noch BewerberInnen, die an einem Freiwilligeneinsatz in Split, Zagreb oder Belgrad für die Dauer eines Jahres interessiert sind.

Praktikanten für das internationale Büro gesucht

Das internationale Büro in Minden bietet Praktikumsplätze für drei bis sechs Monate an.

Assessment

Das nächste Auswahlverfahren für BewerberInnen wird vom 31.8 - 4.9.98 in Amersfoort, Holland, stattfinden.

General Assembly

Die General Assembly des Balkan Peace Team findet am 14. -16. Juni in Bonn statt. Die Versammlung ist offen und bietet auch Nichtmitgliedern die Möglichkeit, unsere Arbeit kennenzulernen. Aktuelle Berichte der Teamarbeit vor Ort werden zu den Höhepunkten der Tagung gehören. Anmeldungen und weitere Einzelheiten bitte im Büro in Minden erfragen.

Balkan Peace Team Annette Englert Schwarzer Weg 8 32423 Minden Tel. 0571/20776


Kosovo: Das Ende der Gewaltfreiheit?

Neun Jahre nach Beginn des gewaltfreien Widerstandes der Albaner im Kosovo ist diese Region im Süden Serbiens wieder in die Schlagzeilen gerückt. Leider deshalb, weil das Auftauchen einer bewaffneten "Befreiungsarmee" der serbischen Polizei den Grund lieferte, mit massiver Gewalt gegen die Aufständischen vorzugehen. Das Ergebnis: Über 80 Tote seit Ende Februar 1998. Der folgende Artikel versucht, die Ereignisse im Kosovo unter dem Aspekt des Konzepts der Sozialen Verteidigung zu analysieren.

Der Konflikt im Kosovo hat eine lange Geschichte, die bis in die Zeit des Osmanischen Reiches zurückreicht. Vereinfachend ausgedrückt geht es um die Frage der Selbstbestimmung der Albaner im Kosovo, die heute ca. 90 % der dortigen lokalen Bevölkerung ausmachen und die seit längerem einen eigenen Staat fordern. Ihrem Interesse steht das serbische Interesse entgegen, den Kosovo - die historische Wiege des orthodoxen Serbentums - als Teil Serbiens zu bewahren.

Der Konflikt der jüngsten Zeit begann nicht 1989 mit der Aufhebung des Autonomiestatus, den der Kosovo innerhalb Serbiens seit 1974 besaß, sondern schon Anfang der achtziger Jahre, als die damalige Führungsspitze im Kosovo einen eigenen Staat zu fordern begann. 1989/1990 setzte in Reaktion auf die Gleichschaltung aller Institutionen durch Belgrad dann der organisierte (gewaltfreie) Widerstand ein. Er bestand aus der Konstituierung eines größtenteils in Privathäusern abgehaltenen parallelen albanischen Schulunterrichts mit über 220.000 SchülerInnen und 16.000 StudentInnen; Aufbau paralleler Gesundheitsversorgung; Wahl einer eigenen Regierung (unter Präsident Rugova) und sogar der Einziehung von Steuern. 1997 setzte eine neue letzte Phase ein: Albanische Studenten fordern in öffentlichen Demonstrationen die Wiederöffnung der Universität; gleichzeitig tritt eine "Albanische Befreiungsarmee" in Erscheinung. Ihre vor allem gegen Polizeistationen gerichteten Terroranschläge provozieren eine am 28. Februar 1998 begonnene serbische Polizeiaktion in einer bestimmten Region des Kosovo (Drenica).

Die Strategie des albanischen Widerstandes hatte und hat zwei Hauptpfeiler: Erster Pfeiler war der konsequente Aufbau des parallelen Systems, also der Vorwegnahme der Unabhängigkeit in so vielen gesellschaftlichen Bereichen wie möglich. Der zweite Pfeiler war die Erwartung, daß die internationale Gemeinschaft dem Kosovo bei der Loslösung von Serbien helfen werde. Beide Pfeiler sind Standardelemente in allen "Lehrbüchern" für gewaltfreien Widerstand und Soziale Verteidigung. Dennoch stehen beide im Kosovo nicht auf solidem Fundament.

Dem Aufbau des parallelen Systems fehlte die Bereitschaft zum Dialog mit dem Gegner. Über lange Zeit hin galt jeder Kontakt zu Serben, selbst zu Oppositionsführern in Belgrad, schnell als verratsverdächtig und unerwünscht. Obwohl sich dies seit ein oder zwei Jahren geändert und eine Reihe von Treffen albanischer und serbischer Politiker stattgefunden hat, ist die Dialogbereitschaft dennoch sehr begrenzt. Zum Beispiel findet man bei den Studenten-Demonstrationen in Pristina Transparente in allen Sprachen, aber nicht in serbisch. Der Gedanke, an die serbische Öffentlichkeit zu appellieren, ist den StudentInnen fremd. Vielleicht noch ernster ist, daß wie erwähnt die Strategie, das angestrebte Ziel zu erreichen, allein auf die "internationale Gemeinschaft" baut. Diese Erwartung ging aber von einer falschen Voraussetzung aus, nämlich von der Annahme, daß die Unabhängigkeit des Kosovo besonders durch die USA unterstützt werde. Erst innerhalb der letzten zwölf Monate wurde realisiert, daß dies nicht der Fall ist und die internationale Gemeinschaft nur ein Interesse hat: einen Krieg mit seiner möglichen Eskalationsgefahr und seinen Flüchtlingsströmen zu verhindern. Die daraus resultierende Enttäuschung kann als eine der Faktoren betrachtet werden, die zu der jetzigen Krise führten. (Andere Faktoren waren die Nichtumsetzung und letztlich Versagen des durch eine italienische Mediatorengruppe (San Egidio) vermittelten Kompromisses zur Wiederöffnung der Schulen, die zunehmenden Probleme der traditionell sehr mächtigen Führungselite, die - zahlenmäßig starke - Jugend zu kontrollieren und ganz allgemein die anhaltende Hoffnungslosigkeit der Situation aus Sicht der Albaner).

Hat die Gewaltfreiheit versagt?

Es ist dem kosovo-albanischen Widerstand nicht gelungen, eine wirkliche vorwärtsweisende Strategie zu entwickeln. Selbst öffentliche Demonstrationen wurden bis letztes Jahr - vielleicht nicht zu unrecht - als zu gefährlich abgelehnt. Folge war das Einfrieren des Status Quo, der bei einem Großteil der Bevölkerung zu der Einschätzung geführt hat, daß die Gewaltfreiheit (die mit passivem Widerstand gleichgesetzt wird) versagt habe. Die "Befreiungsarmee", obwohl eine wohl kleine Organisation, schwimmt geradezu auf einer Welle der Sympathie. Ihre Anschläge haben der Situation eine Dynamik gegeben, die der passive Widerstand versäumte zu erzielen. Sogar eine Intervention durch UN oder NATO, lange Zeit kategorisch und unter Hinweis auf die völkerrechtliche Regel der Nichteinmischung abgelehnt, scheinen nicht mehr undenkbar. Hat also Gewalt einmal wieder gesiegt? Muß es so sein, daß ein Konflikt gewaltsam eskalieren muß, bevor beide Seiten eine Bereitschaft zur Lösung erkennen lassen? Trotz des oben Gesagten stimmt dies nicht so ganz. Die Unabhängigkeitsbewegung im Kosovo ist (noch?) zu 99 % gewaltlos. Und die laufenden Bemühungen, Verhandlungen zwischen Belgrad und Pristina in Gang zu setzen - auch wenn weiterhin die Gefahr besteht, daß dies letztlich scheitert und die Gewalt sich ausweitet - lassen wenn auch sehr gedämpfte Hoffnung aufkommen. Gewisse Signale hierfür von Seiten der Politiker gibt es. Und nach Umfragen wären 40 % der serbischen und über 50 % der albanischen Bevölkerung mit einer Autonomielösung der einen oder anderen Art einverstanden. Vielleicht kann der Friedensprozeß in Nordirland hier einen positiven Anstoß geben?

Christine Schweitzer


Nützliche Modelle für '98?

Notizen anläßlich des Todes von Danilo Dolci Ende Dezember '97, des 30. Todestages von Martin Luther King und des 50. Todestages von Mohandas Karamchand Gandhi

Manch einer der Jüngeren unter uns hat vielleicht nie etwas über Danilo Dolci und sein Wirken auf Sizilien gehört, weiß nichts über den umgekehrten Streik - eine Straßensanierung trotz behördlichen Verbots - und die durch ihn inspirierten Massendemonstrationen zugunsten eines Staudamm-Baus. Weithin unbekannt im europäischen Raum ist vermutlich auch sein Studienzentrum für Vollbeschäftigung und die selbstorganisierte Verbesserung der Infra-Struktur in Westsizilien durch Einrichtung von Kindergärten, Krankenstationen, Schulen und Banken - nur vergleichbar den späteren Bemühungen der Gruppe um Cesar Chavez, die den rechtlosen und benachteiligten mexikanischen Wanderarbeitern in Kalifornien zu neuem Selbstbewußtsein verhalfen.

Als in den 50er und 60er Jahren junge Kriegsdienstverweigerer und Pazifisten nach anregenden Modellen für ihre eigene politische Arbeit Ausschau hielten, stießen sie - durch das englische Wochenblatt PEACE NEWS und die WAR RESISTERS' INTERNATIONAL - auch auf die provozierenden Aktivitäten und Publikationen von Danilo Dolci. So hat sich der Aktionskreis für Gewaltlosigkeit in Hamburg von ihm anregen lassen, der u.a. 1957 die ersten Trainings 'für vernünftiges Konfliktverhalten' durchführte und die erste deutsche Einzelveröffentlichung von Henry David Thoreaus 'Klassiker' über den zivilen Ungehorsam Widerstand gegen die Regierung von 1849 vorlegte (eine Schrift, die Tolstoi ebenso wie Gandhi, King und Mandela beeinflußt hat). Auch die Gruppe um Theodor Ebert und Günter Fritz in Stuttgart, die u.a. die Gewaltfreie Zivilarmee konzipierte, war von dem sizilianischen Experiment in Gewaltfreiheit fasziniert und trug eine Zeitlang publizistisch zur Verbreitung von Dolcis Wirken bei. Parallel dazu griffen progressive Christen wie Walter Dirks die Ideen und die konstruktive Ermutigungs-Praxis auf und versuchten, sie im kirchlichen Raum bekannt zu machen.

Suche nach Vorbildern

Natürlich fanden diejenigen, die an gewaltfreien, im tieferen Sinn revolutionären Entwicklungen interessiert waren, auch andere Modelle vor: Mochandas Karamchand Gandhi und den für die weltweiten Befreiungsbewegungen immer wichtiger werdenden Martin Luther King, der 1955 - auf Drängen eines Schlafwagenschaffners - die Führung des Bus-Boykotts in Montgomery im Süden der USA übernommen hatte. Während der Rechtsanwalt und Bürgerrechtler Gandhi weit über 50 Jahre in Südafrika und Indien wirken konnte und sich das Lebenswerks des Architekten und Sozialarbeiters Dolci über 45 Jahre erstreckte, hatte der Baptisten-Pastor King nur 13 Jahre, um mit unzähligen anderen Bürgerrechtlern und 'Freiheits-kämpfern' den erniedrigenden Rassismus infragezustellen, Amerika aufzurütteln und sich damit unserer Zeit einzuprägen.

Die abständige Durcharbeitung des Denkens und Wirkens von Gandhi und die kritische Betrachtung der indischen Veränderungsprozesse begann in Deutschland etwa zehn Jahre nach seinem Tod und hielt - soweit erkennbar - bis in die 80er Jahre an.

Die intensive kritische Beschäftigung mit den zur selben Zeit sich entfaltenden Widerstandsbewegungen, für die die Namen Dolci und King stehen, wurde erst mit einer gewissen Verzögerung aufgenommen, vermutlich einerseits, weil die bildhaften, einprägsamen Handlungsweisen in USA und Kings Charisma emotional so bewegend waren, daß das Nachdenken darüber in den Hintergrund trat, und andererseits, weil sich im engeren Raum Westsiziliens weniger Menschen in weniger spektakulären Vorhaben engagierten und weil Dolci selbst ungleich zurückhaltender auftrat als sein geistiger Bruder jenseits des Atlantiks. Als in den 70er Jahren in Sizilien die 'Kleinarbeit' und in USA nach der Widerstandsphase die Politikphase der kleinen Schritte begann und die Medien in solchen Bemühungen, die auf breiter Basis und ohne Aufsehen erfolgten, keine Nahrung mehr fanden, erlahmte nicht nur das Welt-Interesse für diese gewaltfreien Innovationen, sondern auch die Aufmerksamkeit derer, die in Europa mit denselben Methoden und im selben Geist tätig waren.

Kaum Interesse trotz nützlicher Ansätze?

sind unter ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen entstanden, als wir sie in der mitteleuropäischen Industrielandschaft vorfinden. Dies mag ein gewisses Desinteresse an Gandhi, King und Dolci in bürgerrechtlichen und pazifistischen Gruppen begründen. Erschwerend kommt hinzu, daß über die nachwievor anhaltende, stille Befreiungsarbeit in jenen fernen Regionen wenig publiziert wird (eine Ausnahme ist dabei die querdenkende Monatschrift GRASWURZEL REVOLUTION).

Aber es ist auch wahr, daß alle drei Bewegungen eine Fülle von Elementen enthalten, die gleichermaßen manche Einzelne hier bei uns bereichern und stärken und manche Verbände zu einer Modifizierung ihrer eigenen Strategien anregen könnten. Gerade dazu haben im Rahmen der vorletzten BSV-Jahrestagung die auf einander bezogenen Referate von Barbara Müller und Uli Wohland einen instruktiven Beitrag geleistet, indem sie detailliert die sozioökonomische Zielrichtung mehrerer gewaltfreier Kampagnen herausgearbeitet (King, Dolci, Chavez), diese mit der aktuellen deutschen Situation verknüpft und damit die Einbeziehung eines neuen Bereichs in die BSV-Politik bewirkt haben.

Erstaunlich ist, daß in allen drei Bewegungen und den Aussagen und Praktiken ihrer Repräsentanten - ungeachtet vieler soziokultureller und regionaler Besonderheiten - deutliche und herausfordernde Ähnlichkeiten erkennbar sind:

Stimulierende Übereinstimmungen

1 Alle Bewegungen gründen sich auf eine sensible Wahrnehmung von struktureller Gewalt und einer durch die Empörung über das Unrecht entwickelten hohen Motivation zur Veränderung. 2 Ihre zentralen Persönlichkeiten entwickeln eine greifbare Vision von besseren gesellschaftlichen Gegebenheiten und sind in der Lage, diese ihren Mitstreitern zu vermitteln. 3 Auf dieser Grundlage setzen diese Bewegungen beim notwendigen NEIN zu vorgefundenen Erniedrigungen an und artikulieren sich in zähem, kontinuierlichen Widerstand durch Demonstrationen und zivilen Ungehorsam. Zugleich - und das wird leicht übersehen - betonen sie das JA zu einem konstruktiven Programm, wie Gandhi die notwendige Aufbauarbeit nannte (entsprechend lauten die beiden Leitideen des BSV: Rüstung und Militär abschaffen / Konflikte gewaltfrei austragen).

4 Sie richten den Blick nicht nur auf die politischen, sondern auch auf die ökonomischen Bedingungen wie Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Armut - bei Dolci: Institut für Beschäftigung, bei King: Aktion Brotkorb.

5 Die jeweils angestrebte Befreiung enthält neben der politischen und ökonomischen noch eine weitere Komponente: die zu erkämpfende Partizipation am gesellschaftlichen Leben bedarf nach übereinstimmender Meinung auch einer spirituellen Dimension, durch die das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit aller, die weite Perspektive der Hoffnung und der notwendige lange Atem gewährleistet werden können. 6 Die aufgrund von Funktion und Charakter herausragenden Persönlichkeiten legen großen Wert auf gemeinsame Beratungen der verantwortlichen Teams und enthalten sich weitgehend unabgesprochener 'einsamer' Aktivitäten. Von King ist bekannt, daß er darauf drängte, daß jeweils ein 'advocatus diaboli' alle verfügbaren Gegenargumente für das kollektive Abwägen auf den Tisch brachte.

7 Vor allem die bedeutenden, integrierenden Persönlichkeiten dieser sozialen Bewegungen besitzen eine sonst unter politisch Aktiven wenig entwickelte Eigenschaft: sie sind fähig zu schonungsloser, auch öffentlicher Selbstkritik und lernen erkennbar aus Fehlern, Irrtümern und Mißerfolgen. Damit wirken sie von sich aus zugleich jener schleichenden personalen Glorifizierung entgegen, die zu Unrecht den Anteil der Basis an Entwicklungen überschattet, und bleiben für alle sichtbar normale, gelegentlich schwache Menschen wie du und ich.

Wie lautet die Botschaft?

Es gibt noch weitere Übereinstimmungen. Alle drei - Gandhi, King, Dolci - sind zeitlebens nicht an "Anhängern" interessiert, die auf ihre Ideen und Anweisungen warten, um gewaltfrei agieren zu können. Sie wollen und brauchen auf allen Ebenen selbständig und kreativ denkende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich selbst motivieren, ihren persönlichen Beitrag geben und sich zugleich in die vereinbarte strategische Linie einfügen können. Alle drei legen keinen Wert auf Nachahmer, sondern hoffen, daß ihr persönliches Beispiel Zeitgenossen wie folgende Generationen ermutigen kann, unverwechselbare eigene Wege im Befreiungskampf zu wagen.

Alle drei wußten, daß viele Frauen und Männer mit besonderer Achtsamkeit auf sie und ihr historisches Erbe blicken würden. Die Reaktion von Mochandas Karamchand Gandhi lautet schlicht:

"Mein Leben ist meine Botschaft". Dolci hatte zudem noch die unerläßlichen Suchbewegungen im Blick, die niemandem erspart bleiben, der sich auf den gewaltfreien Weg einläßt:

"Ich vermache euch nichts, weder Häuser noch Ländereien noch Geld. Ich vermache euch ein Leben, das ich unter Anstrengungen entdeckte..."

Und King schließlich in derselben Haltung:

"Ich werde euch nicht die schönen und kostbaren Dinge des Lebens hinterlassen. Was ich euch hinterlassen möchte, ist ein engagiertes Leben". Konrad Tempel


Positionspapier des forumZFD

Stufenplan und Wahlprüfsteine veröffentlicht

Auf der Grundlage des nachfolgend in leicht gekürzter Fassung abgedruckten neuen Positionspapiers will das forumZFD in den kommenden Wochen Gespräche mit den Fraktionen des Deutschen Bundestages führen. Das Papier bündelt die Erfahrungen der letzten drei Jahre, in denen die erstmals 1995 veröffentlichten Vorstellungen weiterentwickelt und im Rahmen des Modellvorhabens NRW praktisch erprobt wurden. Gerade das Modellvorhaben hat deutlich gemacht, wie wichtig die politischen und finanziellen Rahmenbedingungen für den Erfolg ziviler Konfliktbearbeitung und die Weiterentwicklung in Richtung eines Zivilen Friedensdienstes sind. Das Positionspapier eignet sich als Diskussionsgrundlage, für Kontakte mit lokalen Bundestagskandidaten/innen, sowie für eigene "Wahl-Einmischungen" durch Mitglieder und Mitgliedsorganisationen des forumZFD.

Den Politikwechsel vorbereiten:

Vorschläge zum Aufbau eines Zivilen Friedensdienstes

Das forum Ziviler Friedensdienst hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von Initiativen und Dialogprozessen begonnen, die den Aufbau eines Zivilen Friedensdienstes (ZFD) zum Ziel hatten. Mit Parteien, Fraktionen und einzelnen PolitikerInnen führten wir intensive Diskussionen über die Ziele eines ZFD und die politischen wie rechtlichen Rahmenbedingungen. (...) Mit den Entwicklungsdiensten führte der konstruktive Dialog im Rahmen des Konsortiums ZFD zur Anerkenntnis der jeweiligen Möglichkeiten und besonderen Erfahrungen. Entwicklungsdienste und Friedensfachdienste brauchen einander im Interesse der Sache. Mit der "Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe" (AGEH), dem "Deutschen Entwicklungsdienst" (DED) und den "United Nations Volunteers" (UNV) wurden Kooperationen sondiert und z.T. begonnen. Durch die Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen wurde mit dem "Modellvorhaben: Ausbildung in ziviler Konfliktbearbeitung" ein besonderes Erfahrungsfeld eröffnet. In Zusammenarbeit mit Friedensdiensten und Entsendeorganisationen/Projektträgern wurde deutlich, wie wichtig neben der Ausbildung/Qualifizierung der Fachkräfte auch eine leistungsfähige Infrastruktur zur Umsetzung professioneller Konfliktbearbeitung ist (...). Praktische Erfahrungen mit der Umsetzung des 1996 vorgelegten Curriculums ("Ausbildungsplan - Für die Freiwilligen eines Zivilen Friedensdienstes") konnten ebenfalls im Rahmen des Modellvorhabens gewonnen werden. Die anstehenden Kurse NRW 2 und NRW 3 werden weitere wichtige Erkenntnisse über die Verbesserung des Qualifizierungsangebotes erbringen. Wenn in diesen Prozessen auch in einzelnen Fällen Ablehnung zu registrieren war ("Brauchen wir nicht", "Wird alles schon gemacht"), bleibt doch als Ertrag unserer Anstrengungen eine doppelte Bestätigung: Es wird nirgendwo ernsthaft bestritten, daß die Stärkung und Weiterentwicklung ziviler Konfliktbearbeitung dringend notwendig ist. Zu belegen ist dies u.a. durch Aussagen zahlreicher Politikerinnen und Politiker. Es zeigt sich immer deutlicher, daß die bisherigen Instrumente unzureichend sind und mit den bisherigen Ressourcen eine Änderung dieser Situation nicht zu erwarten ist. Auf der Basis dieses vierjährigen Diskussions- und Erfahrungsprozesses (Veröffentlichung des ersten Konzeptes für einen Zivilen Friedensdienst im März 1994) hat der Vorstand des forum Ziviler Friedensdienst die Erfordernisse für die nächste Legislaturperiode des Deutschen Bundestages diskutiert. Die Politik hat aus unterschiedlichen Gründen aus ihrer eigenen Zustimmung zur zivilen Konfliktbearbeitung bislang noch keine Konsequenzen gezogen. Die Umsetzung der Absichtserklärungen in eine praktische Politik ist jetzt geboten. Das forum Ziviler Friedensdienst hält den Aufbau und die Institutionalisierung eines Zivilen Friedensdienstes für einen Prüfstein einer neuen Friedenspolitik. Künftige Regierungsprogramme sind daher an folgenden Kriterien zu messen: 1. Der Zivile Friedensdienst ist Teil einer neu zu entwickelnden friedens- und sicherheitspolitischen Konzeption. Politischer Wille ist jetzt notwendig, damit überfällige Reformen endlich begonnen werden. Wer hier investiert weiß, daß Gewaltprävention preisgünstig, nachhaltig und von demokratischem Interesse ist. Notwendig für den Aufbau eines ZFD ist eine Entwicklungsphase von fünf Jahren, in der sich Know how und Infrastruktur stabilisieren können. 2. In einer Zeit stagnierender Staatsfinanzen kann die Bereitstellung von Finanzmitteln für Zivile Konfliktbearbeitung nur durch interne Umverteilung erfolgen. Das Mißverhältnis zwischen militärischen Investitionen und Investitionen zur zivilen Konfliktbearbeitung muß deutlich verringert werden. Ein solcher Dienst darf nicht auf Kosten der Entwicklungszusammenarbeit gehen. 3. Ein Ziviler Friedensdienst ist eine Querschnittsaufgabe. Neben dem Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit müssen Außen- und Innenministerium zur Finanzierung des ZFD beitragen. Denkbar ist auch eine Anbindung an das Bundeskanzleramt. 4. Für den Aufbau und die Institutionalisierung eines ZFD schlagen wir erneut einen Stufenplan vor. Stufe 1:

a) Aufbau einer Ausbildungseinrichtung (ähnlich wie Stadtschlaining /Öster-reich) zur Grund- und Weiterqualifizierung von Fachkräften (Ausbil-dungsumfang von mindestens 6 Monaten, incl. Sprachtraining und Praxisphasen). Institutionelle Grundförderung der Einrichtung.

b) Projekt- und Einsatzorientierung der Ausbildung, deshalb: finanzielle Förderung von Einsatzstellen / Entsendeorganisationen), Entwicklung der Infrastruktur. Stufe 2:

c) Verabschiedung einer Rahmengesetzgebung analog dem Entwicklungshelfergesetz.

d) Unterstützung des parallel zu Stufe 1 beginnenden Aufbaus einer Stiftung durch Bundesmittel. Stufe 3:

e) Ausbau der Ausbildungs- und Vermittlungseinrichtung.

f) Internationale, zumindest europäische Vernetzung durch die Stiftung, Qualifizierung und Verbreiterung des Ausbildungsangebotes. (...) Ein Memorandum des forum Ziviler Friedensdienst. Mai 1998. Dieser Text und weitere Informationen können bestellt werden bei: forumZFD, Schwarzer Weg 8, 32423 Minden, Tel 0571/850779.


Den Gedanken Verankern

Die Werbung schafft das immer wieder: Einer großen Zahl von Menschen einen Gedanken so nahe zu bringen, daß sie ihr Verhalten ändern, z.B. etwas kaufen, was sie sonst nicht beachteten. Das kann auch ,,Manipulation" genannt werden. Manipulieren wollen wir nicht; aber: Wenn da immer mehr Menschen Angst vor Gewalt haben, über wachsende Bedrohung klagen, nach mehr Sicherheit rufen - dann möchten wir für unsere ,,Wege aus der Gewalt" werben, dann möchten wir in möglichst vielen Köpfen den Gedanken verankern, daß es da gewaltfreie Möglichkeiten gibt, daß Bedrohungen und Konflikte besser mit gewaltfreien Strategien begegnet werden kann, daß Sicherheit nicht von Waffen oder äußerer Stärke, sondern von innen kommen kann und muß.

,,Wege aus der Gewalt" hatte sich von Anfang an zum Ziel gesetzt, neue Bevölkerungskreise anzusprechen, viele Menschen, die noch keinen Zugang zu unseren Erfahrungen haben, auf die Möglichkeiten der Gewaltfreiheit hinzuweisen. Vielleicht müssen mehr Leute erst einmal auf den Gedanken kommen, daß die Gewaltfreiheit eine positive Kraft ist, die einzuüben sich lohnen könnte. Als einen Schritt in diese Richtung haben wir das Plakat überlegt, das für ,,Wege aus der Gewalt" werben soll. Es könnte in Jugendzentren und Gemeindehäusern, Schulen und öffentlichen Gebäuden . .. aufgehängt werden. Wir möchten einen Anstoß geben, dem eine Auseinandersetzung mit der Frage der Gewalt folgen könnte. Natürlich sollen die Plakate auch als Einladung zu den Seminaren genutzt werden - erst im persönlichen Erleben können die Erfahrungen mit Gewaltfreiheit gemacht werden, die wirklich weiterhelfen. Aber die theoretische Auseinandersetzung ist auch ein wichtiger Schritt. Dazu wird z.B. gerade eine kommentierte Literaturliste erstellt, mit deren Hilfe zu konkreten Fragen auch konkrete Literatur gefunden werden kann. Die Plakate aber, so hoffen wir, können den ersten Werbeschritt tun: Also, bitte: Bestellen -aushängen - diskutieren - einladen! Das Projekt Wege aus der Gewalt hat einen "Kalender für Lernmöglichkeiten gewaltfreien Handelns" zusammengestellt, der fortwährend ergänzt wird und beim BSV gegen Auslage der Selbstkosten angefordert werden kann. Das nächste Treffen der Projektgruppe Nord findet am 30.6. in Bielefeld statt, das bundesweite Projekt-Treffen am Montag, dem 7. September, ganztägig in Neuwied, Anmeldung beim BSV.


Eurofighter Kampagne 98!

Der Eurofighter ist zwar vom Bundestag abgesegnet und Verträge für die Vorbereitungsphase sind bereits geschlossen, aber dies ist noch lange kein Grund aufzugeben: - 80% der Deutschen sind gegen den Eurofighter! (laut emnid '97) - eine SPD geführte Regierung kann die weitere Produktion des Eurofighter stoppen, vorausgesetzt, Mitglieder und Wähler machen Dampf (immerhin haben 98% der SPD Abgeordneten gegen den Eurofighter gestimmt ). Deshalb wollen wir rechtzeitig zur Bundestagswahl in den lokalen und regionalen Medien auf das Abstimmungsverhalten der Abgeordneten zum Eurofighter hinweisen: * Anzeigen! & Kleinanzeigen, z.B.- 'Biete Eurofighter, suche Kinderkrippe' * Leserbriefe! & Radiosendungen! & Wahlkampfveranstaltungen! Ein Textvorschlag und die Namen der Abgeordneten sind erhältlich bei: IPPNW, Körtestr. 10, 10967 Berlin, AFriRa, Friedensforum, Spohrstr. 6, 34117 Kassel und beim BSV.

Aktuelle Infos zum Eurofighter und den MdBs im Internet unter: www.dfg-vk.de/links/book14.htm


Adieu Kurt!

"Unter Frieden verstehen wir einen Prozeß, in dessen Verlauf Menschen sowohl allein als auch in und mit Gruppen lernen, gewaltfrei Konflikte zu lösen und mit der Lösung mehr Gerechtigkeit und Selbstverwirklichung für alle erreicht wird, die an einem Konflikt beteiligt sind. Friedensarbeit hat folgerichtig latente und offene Konflikte zu benennen und ihre Bearbeitung im beschriebenen sinne zu organisieren."

So definierte Kurt Südmersen vor 10 Jahren Aufgaben und Ziele einer umfassenden Friedensarbeit (vgl. Reader zum Bundeskongreß "Wege zur Sozialen Verteidigung" vom 17.-19. Juni 1988 in Minden). Ein dreiviertel Jahr später gründete er mit anderen den "Bund für Soziale Verteidigung" - nicht in Bonn, nein in Minden. Aus der theoretischen und praktischen Friedensarbeit wurde sein Hauptberuf. Er hat für 10 Jahre aus der Region heraus für nationale und internationale Zusammenhänge die Definition zu seinem Programm (und dem des BSV) gemacht. Wer die Arbeit in und aus Minden verfolgt hat, wird sicher viele Beispiele für Erfolge, nur wenige für Mißerfolge benennen können. Ein beherrschendes Thema durch all die Jahre hindurch ist die Frage nach der finanziellen Absicherung der Arbeit geblieben. Die gewaltfreie Bearbeitung von Konflikten im innergesellschaftlichen wie im zwischenstaatlichen Bereich wurde zur inhaltlichen Hauptaufgabe. Neben der theoretischen Durchdringung der Themen standen für Kurt vor allem die praktisch-pädagogischen Fragen im Mittelpunkt seines Interesses. Ob bei einer fact-finding-mission im kriegszerstörten Ex-Jugoslawien (hieraus entstand später das Balkan Peace Team) oder bei der Umsetzung des Konzepts "Kreative Konfliktbearbeitung im kommunalen Zusammenhang", Kurt war und ist Initiator und Motor der Arbeit des BSV. Besonders intensiv hat er sich der Konzeptionierung und Institutionalisierung des Zivilen Friedensdienstes gewidmet. Nun verläßt Kurt die Geschäftsstelle des BSV - doch wer meint, nach 10 Jahren sei es genug, der kennt Kurt nicht: Er hat den Stuhl des Geschäftsführers auf eigenen Wunsch verlassen, um für 4 Monate als Trainer im "Modellvorhaben: Ausbildung in ziviler Konfliktbearbeitung" Fachkräfte auf ihren Projekteinsatz vornehmlich im ehemaligen Jugoslawien vorzubereiten. Erst dann gönnt er sich eine Zeit, in der er Kräfte sammeln und bündeln möchte - natürlich für zukünftige Aufgaben. Lieber Kurt, der BSV wird Dich vermissen. Aber, in der Gewißheit, daß Du - wie Du selbst angekündigt hast - dem Umfeld des BSV erhalten bleibst, freuen wir uns auf eine neue - gemeinsame - Zukunft:

Friedensarbeit geschieht auch heute noch in vielfältiger Weise und ist an jedem Ort nötig und möglich! In diesem Bewußtsein sagen wir Dir, lieber Kurt, Dank und Adieu - Dein BSV


Soziale Verteidigung wird vom BSV verstanden als Verteidigung der Institutionen und Werte der (internationalen) Zivilgesellschaft mit gewaltfreien Mitteln. Verteidigung bedeutet hier die Bewahrung des Lebens und der Möglichkeiten zu sozialer Veränderung und der Widerstand gegen Unterdrückung und Ausbeutung, Militärgewalt und Menschenrechtsverletzungen hier und anderswo. Ziel derjenigen, die Soziale Verteidigung in diesem Sinne als neue Methode zur Regelung selbst "großräumiger" Konflikte befürworten, ist ein Zusammenleben der Völker und Nationen in sozialer Gerechtigkeit und gegenseitigem Respekt.

Liebe Freundinnen und Freunde,

wir nähern uns der Jahrtausendwende, Sylvester 2000. Wir blicken nicht nur auf das vergangene Jahr, Jahrzehnt oder Jahrhundert, sondern auf das vergangene Jahrtausend zurück. Und vielleicht werden wir diesmal Wünsche haben, nicht nur für das nächste Jahr, Jahrzehnt oder Jahrhundert, sondern für das zukünftige Jahrtausend. Liebe Leserin, lieber Leser, mit Ihrer unermüdlichen Hilfe sind inzwischen weit über 1000 Unterschriften der Kampagne Daimler-Minen-Stoppen beim BSV eingegangen - DANKE! In den letzten Wochen habe ich immer wieder denselben Traum. Ich träume davon, daß der amerikanische Präsident in der Sylvesternacht 2000 vor das Mikrophon tritt und folgenden Satz sagt: "Amerika wird alle Atomwaffen abrüsten!" Mein Gott, was würden wir feiern und uns freuen! Ich möch-te Euch einladen, Euren Wunsch nach einer atomwaffenfreien Welt aufzuschreiben und an den amerikanischen Präsidenten zu schicken. Er kann verdeutlicht werden in einer Erinnerung, einer persönlichen Geschichte, in einem Traum oder einer Vision. Der Brief muß nicht in englischer Sprache verfaßt sein. Fragt auch Eure Kinder, ob sie einen solchen Brief schreiben mögen, Zuhause oder in der Schule und Eure Freunde. Da diese Briefe möglichst viele Menschen erreichen sollen, möchte ich sie deshalb sammeln und in einem Buch veröffentlichen. Es soll u.a. dem Vorsitzenden der Genfer Abrüstungskonferenz übergeben werden mit der Aufforderung, endlich abzurüsten. Da das Buch noch vor der Jahrtausendwende fertig werden soll, schickt mir eine Kopie Eures Briefes bis zum 31.10.98.

Ich wünsche mir sehr, daß Ihr viele Briefe schreibt, damit das Buch zustande kommt und wir alle dazu beitragen, ein atomwaffenfreies Jahrtausend zu schaffen. Marliese Keppler Alte Landstr. 4, 24401 Böel

President Clinton, The White House Penns. Avenue, Washington DC 20500

Meine Motivation zur Teilnahme an der Ausbildung zum freiwilligen Friedensdienst in der Kirchenprovinz Sachsen

Konflikte an sich sind nicht das Problem, sie sind lebensnotwendig. Die Art und Weise aber wie wir Konflikte bearbeiten und lösen, entscheidet darüber, ob wir das Leben fördern und bereichern, oder aber zerstören und vernichten. Die zunehmende Gewalt, mit der viele Konflikte ausgetragen werden - sei es im zwischenmenschlichen Bereich, bei innergesellschaftlichen Konflikten oder bei internationalen Konflikten - wird immer mehr zu einem Überlebensproblem unseres Planeten. Die auch von vielen Militärs, fast allen Politikern und offiziellen Kirchenvertretern lautstark verbalisierte Einsicht, daß staatliche Gewalt und Militär bestenfalls als 'Ultima Ratio' eine Atempause für die Konfliktpartner bewirken können, aber keinesfalls Friedensbereitschaft und Versöhnungsarbeit leisten kann, steht im eklatanten Widerspruch zur realisierten Praxis einer zunehmenden Militarisierung innerstaatlicher und internationaler Konfliktbearbeitung. Die 'Prima Ratio' einer gewaltfreien Konfliktbearbeitung hingegen wird erst allmählich und noch viel zu zögerlich als ernstzunehmende und zukunftsweisende Handlungsalternative erkannt.

Um so mehr begrüße ich den Mut der Kirchenprovinz Sachsen, durch die Ausbildung zum freiwilligen Friedensdienst die Fähigkeit mit Konflikten gewaltmindernd und gewaltvermeidend umgehen zu können, zu vermitteln. Schon der erste Grundkurs, an dem ich teilnehmen konnte, zeigte, wie sehr ein professionelles Instrumentarium die Teilnehmenden befähigt, in qualifizierter Form gewaltmindernd in Konflikten aktiv eingreifen zu können. Gerade als Teilnehmer einer anderen Landeskirche beeindruckt es mich sehr, wie eindeutig die Kirchenprovinz Sachsen hier - trotz leerer Kassen - Position bezieht und sich dies auch einiges kosten läßt. Ich sehe darin ein ermutigendes Zeichen angesichts der zunehmenden Gewaltbereitschaft, gerade auch aufgrund der Gefährdung des sozialen Friedens im eigenen Land. Als hauptamtlicher Berater für Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstleistende genügt es mir nicht, lediglich die Verweigerungshaltung gegenüber der Teilnahme an militärischer Gewaltanwendung zu unterstützen. Vielmehr drängt es mich, mit vielen Rat suchenden Kriegsdienstverweigerern, von der Erkenntnisebene endlich auch zur Handlungsebene gewaltfreier Konfliktbearbeitung zu gelangen. Die Erkenntnis und Sehnsucht nach der uns von Christus gelehrten Feindesliebe muß schließlich zu einer Handlungsalternative führen, die auch in kollektiver Form dazu beiträgt, im Gegner und Feind das Ebenbild Gottes zu sehen. Die besorgniserregende Gewaltbereit-schaft bei gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen bedarf eines kontinuierlichen Aufbaus kleiner Gruppen, die befähigt sind ursachenorientiert, deeskalierend und gewaltmindernd in Konflikten vermittelnd einzugreifen. Schon allein die Zusammensetzung der Ausbildungsgruppe liefert hierfür ein schier unerschöpfliches Lernpotential.

Die Ausbildung zum freiwilligen Friedensdienst in der KPS befähigt die Teilnehmenden dazu, Konfliktpartner wieder in einen Dialog zu bringen und so Perspektiven für ein Zusammenleben zu eröffnen. Dazu bedarf es neben Gottvertrauen und einer gehörigen Portion Mut vor allem auch entsprechender Rahmenbedingungen. Siegfried Laugsch, Diakon,

Landeskirchl. Beauftragter f. KDV u. ZDL i. d. ELKi.B.