BOYKOTT

BOYKOTT

ein wirksames Element gewaltfreien Kampfes

 

Erfahrungen und Tipps

 

Zu den immer wieder genutzten Mitteln des gewaltfreien Kampfes gehört der Boykott bestimmter Waren und Dienstleistungen. Dieser kann, richtig und gezielt angewendet, äußerst wirkungsvoll sein und zum Kristallisationspunkt einer Bewegung werden. Genauso gut kann aber eine unzureichend durchdachte oder nachlässig geplante Boykottaktion der ganzen Bewegung schaden. JedeR von uns kennt Beispiele erfolgreicher Boykottinitiativen aus der Geschichte. Wenn wir heute vor der Frage stehen, ob ein Boykott in einer konkreten Auseinandersetzung erfolgversprechend sein kann, dann können wir auf die Erfahrungen aus diesen Kämpfen zurückgreifen. Sie helfen uns bei der Entscheidung und bei der konkreten Boykottplanung. Dieses Faltblatt soll eine erste Information sein. Der Bund für Soziale Verteidigung und seine Mitgliedsorganisationen bieten bei Bedarf gerne weitere Beratung und Unterstützung an.

Was ist ein Boykott?


Boykott bedeutet den massenhaften, politisch oder moralisch begründeten Verzicht der VerbraucherInnen auf bestimmte Waren oder Dienstleistungen. In der Regel wird ein Boykott unbefristet bis zur Abschaffung des kritisierten Missstandes durchgeführt.

Wie wirkt Boykott?

Bewusstseinsbildung

Boykottkampagnen können dazu dienen, VerbraucherInnen auf einen bestimmten Missstand hinzuweisen und ihnen zu verdeutlichen, dass sie diesen Missstand nicht klaglos hinnehmen müssen. Der Boykott südafrikanischer Agrarprodukte in den 1980er Jahren hat viele Menschen in Deutschland erst auf das Menschen verachtende Apartheidregime und die Not der schwarzen Bevölkerungsmehrheit aufmerksam gemacht.

 

Wirtschaftlicher Druck

Wenn ein Boykott die notwendige gesellschaftliche Breite erzielt, dann kann er den betroffenen Regierungen oder Unternehmen schweren Schaden zufügen. Die Ölfirma Shell hatte 1995 schätzungsweise einen Umsatzrückgang von 25% zu verzeichnen, als Greenpeace zum Boykott gegen die Versenkung der Ölplattform „Brent Spar“ aufrief. Die südafrikanischen Exporte gingen unter den Bedingungen des Boykotts um 13% zurück, einer von vielen Gründen für das Scheitern des Apartheidsystems.

 

Wachsen von Gegenmacht

Um den Busboykott 1955/56 durchzuhalten und erfolgreich zu beenden, musste sich die schwarze Bevölkerung in Montgomery/Alabama organisieren. Schließlich mussten die Menschen ein Jahr lang ohne öffentliche Verkehrsmittel zu den Arbeitsplätzen, zum Einkaufen und zu politischen Treffen fahren. So schufen sie ein Komitee, das Fahrgemeinschaften in Privatwagen von 300 Freiwilligen organisierte und die Angriffe der Obrigkeit auf diese Selbsthilfe abwehrte. Vorsitzender dieser Organisation wurde Martin Luther King. Der erfolgreiche Busboykott in der kleinen Stadt Montgomery ermutigte und inspirierte Millionen schwarzer US-BürgerInnen zu gewaltfreiem Widerstand gegen rassistische Diskriminierungen und wurde zum Ausgangspunkt einer umfassenden Bürgerrechtsbewegung.


 

 
Was braucht ein erfolgreicher Boykott?

Ein klares Ziel 

Vor dem Boykott muss sehr genau das Ziel definiert werden. In der folgenden Tabelle ist aufgelistet, welche Ziele einige historische Boykottaktionen hatten und wie erfolgreich sie waren. Wenn das Ziel feststeht, ist es sinnvoll sich zu fragen, in wie weit der Boykott zur Erreichung dieses Ziels beitragen kann. In welchem

Zusammenhang steht das Produkt oder die Dienstleistung mit dem zu bekämpfenden Missstand? Besteht die Aussicht, durch den Boykott das Verhalten der Verantwortlichen zu beeinflussen? Haben die Verantwortlichen überhaupt unmittelbaren Einfluss auf das Problem?

Aktion

Ziel(e)

Erfolg

Salzmarsch
Indien 1930

Ende der britischen Koloniaherrschaft

Der Boykott initiierte eine Bewegung, die nach 17 Jahren zur Unabhängigkeit Indiens führte

Busboykott
Montgomery, USA, 1955

1. Höfliche Behandlung schwarzer Fahrgäste

2. Platzverteilung nach der Reihenfolge, nicht nach Hautfarbe

3. Einstellung schwarzer Fahrer

Unmittelbare Erfüllung der Forderungen nach einem Jahr, Bürgerrechtsbewegung führte zu völliger rechtlicher Gleichstellung

Nestlé-Boykotte
seit 1977

1. Einhaltung der Empfehlungen von WHO und UNICEF zur Babyernährung, Stopp der Werbung für Babynahrung

2. Keine Verwendung genmanipulierter Nahrungsmittel

In verschiedenen Ländern wurden Gesetze erlassen, die die aggressive Vermarktung künstlicher Babynahrung be- oder verhindern. Der Konzern ändert seine Praxis bisher nur unwesentlich.

Auch in der Gentechnik-Frage kein nachhaltiger Erfolg sichtbar.

Anti-Apartheid-Boykott Südafrika, 1980er

Ende des Apartheidregimes

Das Ende der Apartheid 1989 ist nicht allein auf den Boykott zurückzuführen, er hat aber dazu beigetragen

Shell-Boykott
Deutschland 1995

Entsorgung der ausgedienten Ölplattform „Brent Spar“ an Land statt auf See

Erfüllung der Forderung durch das Betreiberkonsortium (Shell / Exxon)

Französische Produkte und Tourismusangebote, 1995

Verhinderung der Atomwaffentests im Südpazifik

Kein Erfolg

Siemens-Bokott
aktuell seit 1999

Ausstieg des Siemens-Konzerns aus dem Atomgeschäft

Siemens-Chef Heinrich v. Pierer: “Das Atomgeschäft macht 2% des Umsatzes und 90% des Ärgers.” Dennoch hat der Konzern noch keine Konsequenzen gezogen

 

 

Eine klare Symbolik

Eine der berühmtesten Boykottaktionen der Geschichte kennen wir alle aus dem Englischunterricht. Die „Boston Tea Party“, bei der amerikanische Republikaner eine ganze Ladung britischen Tee ins Meer warfen ist ein Beispiel für optimal gewählte Symbolik: Was repräsentiert das englische Kolonialsystem besser als „a cup of tea“? Der Sinn der Aktion erschloss sich jedem Zeitgenossen ohne längere Erklärung unmittelbar als Angriff auf die britische Herrschaft in Amerika. Viele Boykottaktionen scheitern an dieser Hürde.

Das Scheitern des Frankreich-Boykotts gegen die Atomwaffentests 1995 hat mit diesem Faktor zu tun: Die zu boykottierende Produktpalette war zu breit, die möglicherweise betroffenen Firmen (v.a. Winzer und Käsereien) hatten keinen Einfluss auf die Haltung der französischen Regierung in dieser Frage und der Zusammenhang zwischen Camembert und Atomwaffen ist den VerbraucherInnen nicht unmittelbar erkennbar.

Viele MitstreiterInnen mit langem Atem

Für den Erfolg eines Boykotts ist es wesentlich, dass sich viele Menschen daran beteiligen. Da die zu boykottierenden Produkte oder Dienstleistungen in der Regel gekauft werden um bestimmte Bedürfnisse zu befriedigen, muss die Boykottinitiative Alternativen anbieten. Äpfel aus der EU zu kaufen, statt aus einem fernen Apartheidsstaat war ein nur geringer Einschnitt für die Teilnehmenden. Ebenso ist es kein praktisches Problem, statt bei Shell eben bei Esso zu tannken, sieht man mal davon ab, dass alle Ölkonzerne die Verantwortung für schwere Umweltschäden, für Kriege und Bürgerkriege, Menschenrechtsverletzungen und die Verhinderung ökologisch sinnvollerer Lebens- und Wirtschaftsweisen tragen. Mehr organisatorischen Aufwand erfordert daher ein Busboykott oder der Boykott eines Monopolanbieters.

Kaum zu organisieren ist nach allen Erfahrungen der Boykott der gesamten Produktpalette eines multinationalen Konzerns mit umfangreichen Vernetzungen, wenn der Handel nicht mitspielt. So ist auch die nachhaltige Erfolglosigkeit verschiedener Boykottkampagnen gegen Nestlé zu erklären. Wer schaut schon bei jedem Schokoriegel und jeder Tütensuppe aufs Kleingedruckte, und das zuverlässig über Jahre hinweg? Wer kann sich überhaupt eine Seiten lange Produktliste merken?

Deshalb ist ein entscheidendes Kriterium für einen erfolgreichen Boykott, dass er von vielen Menschen, eventuell über einen längeren Zeitraum durchgehalten werden kann, ohne dass die Einschnitte in die persönliche Lebensgestaltung die Motivation aufzehren. Für die Motivation der Teilnehmenden kann man als Boykott-Initiative übrigens noch mehr tun: Immer wieder Erfolgsmeldungen verbreiten („Der Tante-Emma-Konzern verkauft jetzt auch keine Tropenhölzer mehr“). Vermeiden, dass die Boykottierenden sich als kleine Randgruppe fühlen. Und große Erfolge entsprechend feiern!

 

Eine unrühmliche Geschichte

Wenn wir uns mit Boykott beschäftigen, so sollten wir nicht vergessen, dass dieses Mittel nicht nur für humane und demokratische Ziele eingesetzt werden kann. Wann immer uns jemand auffordert, etwas zu boykottieren, sollten wir zunächst kritisch unseren Verstand einschalten. „Kauft nichts beim Juden“ - mit dieser Kampagne betrieben die Nazis 1935 die psychologische Vorbereitung auf den Massenmord an den europäischen Juden, zerstörten die Lebensgrundlagen vieler jüdischer Familien und bereiteten ihre Enteignung vor. In dieser Situation des von oben gewollten und organisierten, rassistisch motivierten Boykotts war nicht die Teilnahme ein Zeichen von Zivilcourage, sondern die Weigerung! Noch immer fischen Antisemiten in diesem trüben Teich, und dreist versuchen sie dabei auch, sich friedenspolitische Argumente anzueignen.

 

Auch der Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980 durch die westlichen Staaten war keine Aktion im Sinne der Macht der kleinen Leute sondern eine Machtdemonstration von oben im Kalten Krieg und wirkungslos obendrein. Statt tatsächlich den Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan zu stoppen, führte er nur zu einer Verschärfung des Ost-West-Konflikts und zu einer Verfestigung der Blöcke.

 

 
Boykott kostet Arbeitsplätze


Wer einen Verbraucherboykott initiiert muss sich darüber klar sein, dass er/sie damit unter Umständen tausende von Menschen in ihrer Existenz bedroht. Dass Arbeitsplätze, die Konzern A auf Grund des Boykotts abbaut, bei Konzern B wegen erhöhter Nachfrage wieder aufgebaut werden, ist für die Betroffenen meist nur ein geringer Trost. Man muss daher genau abwägen, ob der zu erwartende Nutzen des Boykotts die möglichen Opfer rechtfertigt und ob diese der Öffentlichkeit zu vermitteln sind. Auch muss man damit rechnen, dass die Konzernleitungen auf die Mitleids-Karte setzen. So wird jeder boykottierte Ölkonzern lancieren, wie gering die Gewinnspanne seiner Pächter ist und jedes boykottierte Land behaupten, vor allem würden die Landarbeiter in den Ruin getrieben. Auf diese Strategien kann man sich vorbereiten, indem man zum Beispiel mit Gewerkschaften zusammen arbeitet und für Konversion eintritt.

 

 
Boykott ist legal!


Der Aufruf zu einem Boykott ist in Deutschland durch das Grundrecht auf Meinungsfreiheit gedeckt. In einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1958 heißt es dazu, es sei "grundsätzlich zulässig, aus ernsthaften Motiven in der Öffentlichkeit den Absatz bestimmter Waren oder bestimmte Organisationen des Verbrauchs zu bekämpfen, auch wenn bei Erfolg solcher Meinungsäußerungen wirtschaftliche Unternehmen zum Erliegen kämen, Arbeitsplätze verloren gingen und dergleichen". (BVerfG 7, 198ff)

Bedingungen sind lediglich, dass ein Boykott nicht aus Gründen des eigenen Wettbewerbvorteils ausgerufen werden darf, die VerbraucherInnen nicht zu einem bestimmten Verhalten genötigt werden dürfen und ein enger Zusammenhang zwischen dem boykottierten Produkt bzw. dessen Hersteller und der erhofften Auswirkung auf eine Unrechtssituation hergestellt wird. Erlaubt ist nur der direkte Boykott eines Produktes bzw. eines Herstellers, nicht aber z. B. den eines Geschäftes, solange das boykottierte Produkt dort erhätlich ist.

 

 
Weitere Informationen

 

Im Internet

 

www.soziale-verteidigung.de (Bund für Soziale Verteidigung)

www.frieden-gewaltfrei.de

www.friedenspaedagogik.de (Institut für Friedenspädagogik, Tübingen)

www.wfga.de (Werkstatt für gewaltfreie Aktion Baden)

www.babynahrung.org (zum nestlé-Boykott)

www.siemens-boykott.de (IPPNW zum Siemens-Boykott)

 

Literatur

Alinsky, S. D.: Anleitung zum Mächtigsein, Göttingen, 1999.

Bittl-Drempetic, K. H.: Gewaltfrei Handeln - mit mehr als 200 Übungen und Beispielen für die Trainingsarbeit, Nürnberg, 1993.

Carter, A.: Direkte Aktion. Leitfaden für den gewaltfreien Widerstand, 1983.

Duffner, F./ Maier, U./ Wohland, U.: Boykott, Werkstatt für Gewaltfreie Aktion Baden, 1993.

Ebert, T.: Gewaltfreier Aufstand. Alternative zum Bürgerkrieg, Frankfurt 1972.

Galtung, J.: Kein Zweifel - Gewaltlosigkeit funktioniert. Wirkungsweise und Aktualität gewaltlosen Widerstands, Werkstatt für gewaltfreie Aktion Baden, 1995.

Gugel, G.: Wir werden nicht weichen – Erfahrungen mit Gewaltfreiheit – Eine praxisorientierte Einführung, Verein für Friedenspädagogik Tübingen e.V.


Impressum
Reihe Informationsblätter, herausgegeben vom
Bund für Soziale Verteidigung, Minden 2003. Kostenlos, verantwortlich: Kathrin Vogler