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07.09.2009
Kategorie: über uns

End-Of-Project-Präsentation von Laura Sandu


Mein Jahr in Minden

                 - eine Rumänin berichtet

 

Erst einmal vielen Dank, dass Ihr euch die Zeit genommen habt hierher zu kommen und euch diese Präsentation über mein einjähriges EFD-Projekt hier in Minden anzuhören (EFD bedeutet Europäischer Freiwilligendienst). Ich werde versuchen, euch nicht nur dieses Projekt näher zu bringen, sondern es gleichzeitig auch im Rahmen meiner anderen Beschäftigungen mit dem Thema Frieden zu verbinden.

Ich bin Laura Sandu, gebürtige Rumänin, und studiere zuhause in Rumänien Psychologie.
Wie bin ich hierher gekommen?? Ich denke, die Phase in meinem Leben in der ich anfing mich mit dem Frieden auseinander zusetzen, begann in meinem ersten Jahr in der Universität. Ich bat einen meiner Seminarleiter, mir bei der Suche nach einer „Nicht-Regierungs-Organisation" zu helfen. Ich wollte mich bei ihr ehrenamtlich betätigen um dort an den Themen zu arbeiten, die ich damals im Rahmen meines Studiums der internationalen Beziehungen und der Europäischen Studien, behandelte. Diese Suche endete in der, wie ich damals dachte (und auch heute noch denke), fortschrittlichsten NGO von Rumänien, PATRIR.


Meine Arbeit bei PATRIR

Zivilgesellschaftliche Organisationen begannen sich in Rumänien nach 1989 langsam zu entwickeln und lernen bis heute stetig, wie man sich selbständig organisiert und in diesem Verfahren demokratischer wird. Die Arbeit von PATRIR (Romanian Peace Institute - Rumänisches Institut für den Frieden) bewegte mich damals mehr oder weniger in all meinen Überzeugungen. Ich kam durch meine Arbeit bei PATRIR in Kontakt mit einem Kreis von Personen, deren ganze Leidenschaft die Friedensarbeit ist (was bis heute kein besonders beliebtes oder populäres Thema in Rumänien ist). Die Leute von PATRIR halten sich über das Weltgeschehen auf dem Laufenden und sind in der Lage, brauchbare und strukturierte Alternativen, basierend auf den Studien von Johan Galtung über gewaltfreie Konflikt-Transformation, anzubieten.

 

Warum ich mich dafür öffnete, in das Thema der Gewaltfreiheit zu investieren, lag an der manchmal sehr zynischen Gesellschaft um mich herum, die recht korrupt und negativ, manchmal auch brutal ist, auch wenn ich hier vielleicht Nachts sicherer durch den Park laufen kann als in anderen großen Städten auf dieser Erde.
Ich war es gewöhnt, Dinge wie „es wird sich eh nie etwas ändern", „wir haben nicht genug Kraft", „es ist was es ist", „verschwende nicht dein Leben mit Dingen, bei denen es so unsicher ist was dabei heraus kommt", usw.

 

Auch wenn ich nie direkt einen Krieg miterlebte, sondern nur kurz mit der Revolution von 1989 konfrontiert war, habe ich trotzdem manchmal das Gefühl, in Angst und unter Gewalt zu leben. Ich fühle dies als Frau, als Bürgerin, die nur ein Subjekt der Staatspolitik oder Subjekt der mächtigen Industrien ist, welche der Natur und unserer Gesundheit schaden. Wenn ich eine Romafrau wäre, dann hätte ich vielleicht nie die Möglichkeit gehabt in die Position, in der ich heute bin, zu kommen. Ich hätte nie die Möglichkeit bekommen, heute zu Euch auf Deutsch zu sprechen, oder zu versuchen auf Deutsch zu sprechen, und die Möglichkeit, dass mir zugehört wird.
Ich wurde nicht mit den Ideen der Gewaltfreiheit erzogen. Ich bin jetzt erst an dem Punkt angelangt, an dem ich diese Alternative entdecke. Ich kämpfe jeden Tag damit, die Gewalt zu verlernen, die ich erfahren habe und die ich selbst anderen angetan habe.

Vielleicht wegen meines jungen Alters, vielleicht weil ich in diesem Punkt sogar richtig liege, hat mir etwas gesagt, dass sich Dinge ändern können und sich ändern werden, wenn mehr Menschen sich für eine Veränderung einsetzen. So bin ich seit März 2002 bis zum heutigen Tag inspiriert, mit meiner rumänischen Friedensorganisation PATRIR zusammenzuarbeiten und ich habe meine Erfahrungen auch durch den BSV hier erweitern können.

 

Die ersten zwei Jahre meiner freiwilligen Arbeit bei PATRIR habe ich Artikel für unser Online-Friedensmagazin über die Theorie der Gewaltfreiheit, der Menschenrechte, der Geschlechtergleichheit und positive Aktionen für Frieden in der Welt geschrieben und übersetzt. Ich muss sagen, dass außer den Menschenrechten, das Gebiet der Friedensarbeit eher neu für mich war, auch wenn ich internationale Beziehungen und European Studies studierte. Bei unserem Geschichtsunterricht an der Universität behandelten wir meist nur Diplomaten, offizielle und wichtige Männer der Geschichte, Kriegshelden, Politiker und andere Solche. Ich war glücklich, jetzt über normale Menschen wie du und ich zu schreiben und in sie zu investieren. Auch diese Menschen haben Geschichte gemacht, auch wenn diese Menschen bis jetzt noch nicht in unseren Geschichtsbüchern an den Universitäten erscheinen. Auch sie haben die Gesellschaft hin zu einer Gesellschaft verwandelt, die Rassismus, Sexismus, Homophobie und vieles mehr anprangert. Es waren stärkende und inspirierende zwei Jahre und sie überzeugten mich davon, weiter zu machen und darauf aufzubauen.

 

Unseren Projekten folgten andere Projekte. Eines behandelte den Nationalsozialismus in Deutschland, Ungarn und Rumänien während und nach dem 2.WK. Wir erarbeiteten Unterrichtsmaterialien für Lehrer über den Roma Holocaust, wir haben bei Projekten gegen Kriminalität an Frauen mitgearbeitet und den Europäischen Friedensdienst gefördert.

 

Europäischer Freiwilligendienst

Diese letzte Aktivität hat mich nach Minden gebracht. Der BSV (Bund für Soziale Verteidigung) und PARTIR sind beide Mitglieder des europäischen Netzwerkes für den Zivilen Friedensdienst.

Ein EFD (Europäischer Freiwilligendienst) kann man ab 18 bis 30 Jahren machen.

Ich möchte Euch kurz vorstellen, was ein Freiwilliger/eine Freiwillige für Aufgaben übernimmt und wie man das richtige Projekt findet:

 

    * Auf der online Datenbank kann der/die Freiwillige ein für sie/ihn geeignetes Projekt in einem   anderen Land finden
    * Man kann entscheiden, welche Projekte man wählen möchte und für wie lange man den Freiwilligendienst machen möchte
    * Um ins Ausland gehen zu können, braucht man eine Entsendeorganisation
    * Während des Freiwilligendienstes werden alle Kosten für den Aufenthalt von der Europäischen Kommission (während des gesamten Projektes) gedeckt. Man bekommt ein Taschengeld und je nach Projekt Unterkunft, Essen, einen Sprachkurs, eine Krankenversicherung und wenn nötig die Kosten für einen Visa-Antrag erstattet.
    * Wenn man den Freiwilligendienst beendet hat, bekommt man ein Zertifikat der informelle Bildung von der Europäischen Kommission
    * Ein EFD ermöglicht es einem, Sprachkenntnisse zu lernen und verbessern, und
    * Mit hundertprozentiger Sicherheit lernt man viele neue Fähigkeiten, macht neue Erfahrungen und wird mit Spaß an der Sache sein


Ein EFD-Projekt kann auf eine Vielzahl von Themen und Einsatzgebieten ausgerichtet sein, wie z.B. Kultur, Jugend, Sport, Sozialwesen, Kulturerbe, Kunst, Katastrophenschutz, Umwelt, Entwicklungszusammenarbeit etc.
Gefährliche Einsätze in Situationen unmittelbar nach einer Krise (z.B. humanitäre Hilfe, Soforthilfe bei Katastrophen etc.) sind ausgeschlossen.

 

 

Fünf Prinzipien der Gewaltfreiheit

Ich möchte mit Euch das Verständnis der Gewaltfreiheit und ihre Grundprinzipien, die ich als Basis für meine Arbeit mit Jugendlichen verwendet habe, teilen. Professor Michael Nagler, Proffesor an der Berkeley Universität und Gründer des Metta Center , entwickelte Fünf Prinzipien der Gewaltfreiheit. Diese möchte ich Euch vorstellen:

 

1. Respektiere jeden
- dich beinhaltend. Es ist ein grundsätzliches Prinzip der Gewaltfreiheit, die Menschen nicht in dem zu verwirren, was sie tun. Je mehr man eine Person respektiert, je effektiver kann man sie davon überzeugen, ihre Einstellungen oder ihr Verhalten zu ändern. Demütigung, oder das Akzeptieren der Demütigung anderer, soll nie ein Mittel sein, denn es setzt den Menschen herab. Wie Martin Luther King Junior sagte, ist Ungerechtigkeit Irgendwo eine Bedrohung für die Gerechtigkeit Überall.

 

2.    Mittel führen zu dem Ergebnis des Schaffens - Die Mittel der Gewaltfreiheit habe immer zu positiven und konstruktiven Resultaten geführt, wenn auch nicht immer zu denen, die man geplant hatte. Gewaltsame Mittel führen nie zu Konstruktivität. Wir müssen Verantwortung für die Mittel, die wir verwenden übernehmen, und wir müssen auch unsere Gefühle mit einbeziehen und unseren Geistesverstand wenn wir unsere Gefühle benützen.
Man kann feststellen, dass Gewalt manchmal „funktioniert" (wie zum Beispiel erreicht sie ein direktes kurzzeit Ziel) aber nie funktioniert (wie zum Beispiel macht es Dinge nicht besser oder gibt einem System konstruktive Energie). Als Kontrast - Gewaltfreiheit „funktioniert" manchmal, und funktioniert auch immer. Gewaltfreiheit wird immer irgendwann ein gutes Resultat bringen, auch wenn wir die Verbindung nicht unbedingt erkennen.

 

3. Suche win/win Lösungen - Gib dem Bilden von Langzeit-Verbindungen Vorrang vor Kurzzeit-Siegen. Ein Konflikt lässt in uns das Gefühl aufkommen, dass damit ich „gewinnen" kann, der andere verlieren muss. Das ist eine Desillusion. In der Gewaltfreiheit streben wir nicht danach, Gewinner zu sein, oder uns über die Köpfe der anderen zu erheben; wir streben es an, zu lernen und Dinge für Alle besser zu machen.

 

4. Überzeuge, zwinge niemanden
- Sei darauf vorbereitet, dass du unter Umständen leiden musst, wenn es keinen anderen Weg gibt, das Bewusstsein der anderen zu erwecken. Es ist gut, Beschwerde einzulegen, aber Gewaltfreiheit bewirkt auch dann etwas, wenn unsere Bittschriften ignoriert wurden und es ist notwendig, wie Gandhi sagte, dass man nicht nur zum Kopf, sondern auch zum Herzen sprechen muss.
In der wirklichen Welt ist nicht immer Zeit für das. Zum Beispiel, wenn man einen Direktor dazu bringen will zurückzutreten: Das Zwingen wird vielleicht nötig sein, auf Grund der Leiden, die dieser Mann verursacht. Aber nichtsdestotrotz wollen wir, wenn immer es möglich ist versuchen, erst einen Menschen zu überzeugen, denn diese Veränderungen sind dauerhaft (und respektvoller der Person gegenüber).

 

5. Vermeide Diskriminierung - opfere nie deine Prinzipien, aber sei dazu bereit, Taktiken zu ändern und Kompromisse in Detailfragen einzugehen. Klammere dich nicht an Symbolen fest. Sei konstruktiv wenn immer es möglich ist, und sei behindernd wenn nötig. Gandhis größte Entdeckung war die Macht des „konstruktiven Programms", bei welchem die Inder selbst Verantwortung für ihre Gesellschaft übernahmen und sich selbst und den Briten zeigten, dass Indiens Führung durch Briten nicht nötig waren.

Wie man sehen kann, kommen diese Prinzipien von dem Glauben, dass alles Leben miteinander verbunden ist und das jedes Problem gelöst werden kann, sobald seine wahre Natur erkannt wird. In anderen Worten, sobald wir unsere Bedürfnisse kennen lernen, finden wir heraus, dass sie nicht in Konkurrenz mit anderen stehen.

So wie Martin Luther King sagte, „ich kann niemals der sein, der ich dachte zu sein, bis du nicht der bist, der du sein sollst. Und du kannst nie der sein, der du sein sollst, bevor ich nicht der bin, der ich sein sollte."

 

Übersetzt von Friederike Gezork


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