Sport für Frieden und Gewaltfreiheit

Quelle: Baghdad Marathon

Erster Internationaler Irakischer Marathon für Frieden und Gewaltfreiheit in Erbil (7. Oktober 2011) und Konferenz der Iraq Civil Society Solidarity Initiative (8.-9. Oktober 2011)

In einer Pressemitteilung vom 12. Juli 2011 ruft das Netzwerk LaOnf zum Ersten Internationalen Irakischen Marathon für Frieden und Gewaltfreiheit auf, der am 7. Oktober 2011 in der historischen Altstadt von Erbil stattfinden wird. Unter dem Motto „Rennen für Frieden und Gewaltfreiheit“ (Let’s Run for Peace and Nonviolence) bietet die Veranstaltung die Teilnahme in verschiedenen Kategorien und auf verschiedenen Strecken an. So laufen zum Beispiel Familien, Jugendliche, Frauen, Menschen mit Behinderung oder Professionells im Team oder als Einzelperson, als Vertretung von NGOs, Ministerien, Jugendclubs, StudentInnen, Arbeitervereinigungen oder anderen freien Gruppen. „Wir glauben in Sport als ein Mittel, um Menschen miteinander zu verbinden.“, so Nicola Visconti vom italienischen Co-Organisator „Sport Against Violence“.

Im Anschluss an den Marathon, vom 8.-9. Oktober 2011, wird Erbil zum Schauplatz der Internationalen Konferenz der Iraqi Civil Society Solidarity Initiative, kurz ICSSI. Die Konferenz soll dazu dienen, Brücken der Solidarität und Kooperation mit irakischen sozialen Bewegungen zu schlagen, die sich für einen demokratischen Irak einsetzen, in dem Menschrechte sowie fundamentale Freiheitsrechte geachtet werden.

Beide Veranstaltungen finden im Rahmen der irakischen Woche für Gewaltfreiheit (Iraqi Week of Nonviolence), neben weiteren nationalen Aktivitäten, statt. Das einwöchige Programm wird von zahlreichen Mitglieder-NGOs des Netzwerks LaOnf ermöglicht, u.a. der Al-Mesalla, Kurdistan Youth Organization (KEYO) und dem Iraqi Kurdistan NGO Network (IKNN).

Weitere Informationen und Kontakt unter: baghdadmarathon.com

Aktuelle Informationen über Aktivitäten der irakischen Zivilgesellschaft (und ihrer internationalen UnterstützerInnen) gibt es bei ICSSI.

Endbericht der vierten Irakischen Woche der Gewaltfreiheit

Anfang Dezember wurde ein 23-seitiger Endbericht von LaOnf über die Vierte Irakische Woche der Gewaltfreiheit veröffentlicht. Den englischen Bericht finden Sie hier zum Download, alternativ stellen wir eine deutsche Zusammenfassung zur Verfügung.

Seit 2006 organisiert das gewaltfreie Netzwerk LaOnf jährlich im Herbst die Irakische Woche der Gewaltfreiheit. Fast 2000 Einzelpersonen und 100 Organisationen und Institutionen veranstalteten in diesem Jahr für über 10 000 Menschen zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen. Die meisten TeilnehmerInnen und Interessierten waren in der Provinz Erbil zu verzeichnen, wo LaOnf auch sein Koordinationsbüro hat. Rund 25% der TeilnehmerInnen waren Frauen.
Unterstützung kam aus aller Welt – so wurde zum Beispiel eine Solidaritätsaktion hier in Deutschland vom BSV organisiert (2. Oktober 2010, Münster), aber auch in Italien und den USA wurde Verbundenheit mit LaOnf ausgedrückt. Auch das große nationale und teilweise auch internationale Medienecho bescheinigte den Organisatoren ihren Erfolg.
In Zusammenarbeit mit Kunstgalerien, Sportgruppen, Kultur- und Bürgerzentren, Schulen, Universitäten, Kirchengemeinden, muslimische Gemeinden, staatlichen Institutionen und Lokalpolitikern wurde eine lange Reihe vieler verschiedener Aktionen in der Woche der Gewaltfreiheit organisiert. So zum Beispiel Kunst- und Literaturfestivals, Sportwettkämpfe, Marathonläufe, sowie Workshops und Seminare zur Gewaltfreiheit.
LaOnf selbst beschreibt folgende Grundsätze und Fakten als charakteristisch und bezeichnend für ihre Arbeit und ihren Erfolg:

  • Die gewaltfreie Woche lässt ein breites Publikum an ihren Aktionen teilhaben.
  • Zahlreiche hochrangige Verantwortliche zeigten Interesse an der vierten Woche der Gewaltfreiheit.
  • Eine große Unterstützergruppe aus dem Ausland bescheinigt ihre Solidarität.
  • Die ganze Woche über wurde täglich ein arabischer und englischer Newsletter veröffentlicht, der über alle laufenden Aktionen in ganz Irak berichtete. Ebenso wurde die Webseite täglich zweisprachig aktualisiert.
  • Nationales und internationales Interesse der Medien verstärkt den Bekanntheitsgrad. Die öffentlichen Reaktionen bestätigen großes Interesse der Bevölkerung.
  • Zahlreiche Sponsoren, PartnerInnen und SpenderInnen machen die Arbeit von LaOnf überhaupt erst möglich. Soziale Einrichtungen wie Frauenhäuser, Jugendämter, aber auch hochrangige Religionsvertreter und öffentliche Einrichtungen begrüßen das Engagement von LaOnf.

Das diesjährige Motto der gewaltfreien Woche in Irak, unter dem alle Aktionen liefen, war „Es ist an der Zeit für eine nationale Regierung! Schluss mit dem Warten!“. Mit diesem Motto fordert LaOnf die Bildung eines regierungsfähigen Parlaments und einer verantwortungsvoll und demokratisch handelnden Führungsebene in Irak.

Abschließend enthält die Mitteilung ausführliche Berichte und Auswertungen jeder einzelnen Aktion während der gesamten Woche der Gewaltfreiheit, einen Beitrag darüber, wie es nach dieser Woche weiter ging/geht und einen Bericht über die internationalen PartnerInnen und deren Unterstützung.


LaOnf zu den Anschlägen auf Kirche in Bagdad

Das gewaltfreie Irakische Netzwerk LaOnf verurteilt die nicht enden wollenden blutigen und menschenverachtenden Anschläge in Irak.

Am Sonntag, den 31.10.2010, hatten maskierte Männer Christen während einer Messe in der Sajjidat-al-Nadscha-Kirche in Bagdad als Geiseln genommen. Dabei fanden Dutzende Menschen den Tod.

LaOnf spricht seine Solidarität mit allen christlichen Irakerinnen und Irakern und sein Beileid für die Familien und Freunde der Opfer aus. Sie rufen dazu auf endlich die Stimmen zu erheben und der Gewalt Einhalt zu gebieten.

Des Weiteren wurde eine Unterstützung für die christliche, friedliche Demonstration in der Provinz Erbil angekündigt und die Regierung dazu zu bringen endlich die Augen zu öffnen und die Rechter ALLER IrakerInnen, gleich welcher Religion, zu schützen.

Irakisches Friedensnetzwerk LaOnf, 1. November 2010

Kirche und gewaltfreie Demonstration in Bagdad


Pressemitteilung: Bund für Soziale Verteidigung

“Wir haben genug von Gewalt und Terror!” Irakis fordern ein Ende der Gewalt in ihrem Land

Heute endet die Vierte Irakische Woche der Gewaltfreiheit; das Engagement für Frieden und gegen Gewalt im Irak geht weiter: Das irakische gewaltfreie Netzwerk LaOnf machte vom 1. – 8. Oktober mit Aktionen im ganzen Irak auf das Problem der alltäglich gewordenen Gewalt aufmerksam und rief die Bevölkerung und Politik dazu auf, an dem Aufbau eines friedlichen Irak mitzuwirken.
Unter dem diesjährigen Motto „Es ist an der Zeit für eine nationale Regierung! Schluss mit dem Warten!“ gingen LaOnf-Mitglieder in allen Teilen des Irak auf die Straße, um in der Öffentlichkeit stabile politische Verhältnisse und ein Ende der Gewalt im ganzen Land zu fordern. LaOnf, das bedeutet „Keine Gewalt“, und ist der Name eines 2006 gegründeten Netzwerkes, in dem sich zivilgesellschaftliche Organisationen und Einzelpersonen aus dem ganzen Irak zusammengeschlossen haben, die die gemeinsame Überzeugung teilen, dass der Verzicht auf Gewalt die Basis für einen Wiederaufbau des Irak und einen politischen Wandel im Land sind. Die Ideen von Frieden und Gewaltfreiheit versuchen sie seitdem in Gesellschaft und Politik zu verbreiten, indem sie auf die negativen Folgen einer von Gewalt durchzogenen Gesellschaft aufmerksam machen und für Alternativen sensibilisieren. In der jährlich stattfindenden Woche der Gewaltfreiheit finden zu diesem Zweck im ganzen Land verstärkt öffentlichkeitswirksame Aktionen statt, die möglichst breite Teile der Bevölkerung erreichen sollen. Nicht zufällig ist der Termin stets um den 2. Oktober herum gewählt, den Geburtstag des großen Vorbildes Mahatma Gandhi und seit einigen Jahren Internationaler Tag der Gewaltfreiheit.
Die Theaterperformance in Bagdad, das Kulturfestival in Babylon, die Fachtagung „Keine Gewalt gegen Frauen“ im kurdischen Dohuk oder das Fußballturnier in Erbil – die irakischen LaOnf-AktivistInnen boten eine bunte Palette von Events und Aktivitäten, die zum Mitmachen und Nachdenken über Sinn bzw. Unsinn von Gewalt anregten und Alternativen aufzeigten. Als besonderen Erfolg werteten die Veranstaltenden die Tatsache, dass in diesem Jahr erstmals auch RegierungsvertreterInnen an einzelnen Veranstaltungen teilnahmen und damit offen ihre Zustimmung zur Arbeit von LaOnf ausdrückten. Auch in Deutschland wurde Solidarität gezeigt: Der Bund für Soziale Verteidigung veranstaltete am 2. Oktober einen Solidaritätstag in Münster, in dem u. a. in einer Live-Schaltung per Internet direkter Kontakt zu irakischen LaOnf-AktivistInnen aufgenommen wurde.
„Es ist eine furchtbare Situation voller Gewalt und Terror, unter der die irakische Bevölkerung leidet. Wir wollen einen friedlichen und prosperierenden Irak schaffen, wir wollen Schritte in Richtung Gewaltfreiheit und Frieden gehen und möglichst viele dazu anregen, diesen Weg mitzugehen“, so Salar Ahmed, Koordinator des Netzwerkes. Die Öffentlichkeitsarbeit ist hierfür von besonderer Bedeutung, weiß Ahmed: „Das fehlende Bewusstsein für die verschiedenen Facetten der Gewalt und ihre negativen Folgen ist eines der größten Hindernisse für eine friedliche Entwicklung.“ Die andere große Hürde sieht er in der Zersplitterung der politischen Parteien. Die Parlamentswahlen im März haben noch immer zu keiner neuen Regierungsbildung geführt. „Die politische Instabilität hat die Gewaltakte im Land wieder verstärkt, die Menschen sind frustriert und wenden sich wieder verstärkt dem Terrorismus zu“ meint auch der LaOnf-Vorsitzende Ibrahim Ismael. Daher fordert das diesjährige Motto der Woche auch explizit die lange fällige Regierungsbildung. Auch die Arbeit von LaOnf selbst bleibt von der Gewalt im Land nicht unberührt. Mangelnde Sicherheit ist immer wieder der Grund dafür, dass geplanten Veranstaltungen keine offizielle
Genehmigung erteilt wird. So drohte die Großveranstaltung in Bagdad zum Auftakt der Woche der Gewaltfreiheit aufgrund von Sicherheitsbedenken der Behörden zu scheitern, konnte jedoch, einen Tag früher als geplant, doch noch stattfinden. Eine Übersicht über diese und alle anderen im Rahmen der
Woche der Gewaltfreiheit durchgeführten Veranstaltungen im Irak gibt der Bund für Soziale Verteidigung unter www.soziale-verteidigung.de. Dass es ein beschwerlicher und teilweise auch gefährlicher Weg hin zu einem friedlichen Irak ist, hält die Laonf-Mitglieder nicht davon ab, diesen Schritt für Schritt zu gehen. Als unterstützend empfinden sie dabei insbesondere auch die internationale Solidarität, die sie von Friedensorganisationen aus aller Welt erfahren. Der Bund für Soziale Verteidigung führt zu diesem Zweck eine Solidaritäts-Fotoaktion durch, an der sich alle Interessierten unter www.soziale-verteidigung.de beteiligen können.
Auch für das nächste Jahr gibt es bereits Pläne: „Wir beginnen gerade mit den Vorbereitungen für den Internationalen Bagdad-Marathon gegen Gewalt,“ so Salar Ahmed, „es soll der größte Lauf in der Geschichte des Irak werden.“

Minden, 8. Oktober 2010
Kontakt:
Bund für Soziale Verteidigung e. V.
Judith Conrads (Geschäftsführerin)
conrads(at)soziale-verteidigung.de

Aktionen von LaOnf


SOLIDARITÄTSTAG "IRAK OHNE GEWALT" in Münster

Am 2. Oktober, dem Beginn der Woche der Gewaltfreiheit in Irak, veranstaltete der BSV in Kooperation mit dem ASTA-Referat für Frieden und Internationales der Universität Münster einen Solidaritätstag für einen Irak ohne Gewalt in der Kulturkneipe „Frauenstr. 24“ in Münster.


Nach der Eröffnung der Ausstellung „Gewaltfreiheit im Irak“ berichtete Wiltrud Rösch-Metzler, pax christi Vizepräsidentin, über ihre Eindrücke vom Leben in Irak und der Menschen dort. Im Anschluss daran referierte Stephan Brües, BSV Vorstandsmitglied, über die Aktivitäten des irakischen Netzwerk der Gewaltfreiheit LaOnf. Nach einer Live-Schaltung zu irakischen AktivistInnen, wurde in einer Arbeitsgruppe über weitere Unterstützungsmöglichkeiten für das gewaltfreie Netzwerk LaOnf diskutiert. Bevor zum Abschluss der Film „Schildkröten können fliegen“ (Irak, 2005) gezeigte wurde, spielte die Band „Caravana del Mundo“ u.a. einige ihrer selbst komponierten Stücke. Ihr könnt LaOnf weiterhin unterstützen und eure Solidarität bezeugen in dem Ihr Fotos von euch allein oder in der Gruppe an den BSV schickt. Wir sammeln eure Bilder und schicken sie in einem Solidaritätsgruß am Ende der Woche der Gewaltfreiheit an LaOnf.


"Wir wollen Hoffnung bauen" - Interviews mit gewaltfreien AktivistInnen in Irak

Am Rande des 1. Irakischen Forums der Gewaltfreiheit, das vom 6.-8. November 2009 in Erbil stattfand, haben der BSV und die spanische Organisation Nova Interviews mit Teilnehmenden durchgeführt. Sie geben einen Einblick in persönliche Erfahrungen mit Krieg, Gewalt und Widerstand in Irak.

Saba Al-Nadawani

Die studierte Agraringenieurin arbeitet als Journalistin beim „Institut für Information über Frieden und Krieg in Irak“ in Bagdad und engagiert sich daneben ehrenamtlich in verschiedenen NGOs sowie als Vorstandsmitglied von Laonf.

Wie erlebten Sie die Geschehnisse des Jahres 2003?

Meine ganze Familie besteht aus AktivistInnen gegen die Diktatur Saddam Husseins, einige von uns verbrachten deshalb einige Zeit im Gefängnis. Die Invasion in Irak und den Sturz Husseins haben wir anfangs dementsprechend als Sieg gefeiert. Vorher herrschte weder Meinungsfreiheit noch Demokratie. Selbst heute haben wir trotz aller Probleme mehr Freiheit als unter Hussein.

Sie sagten „anfangs als Sieg“…


Als nach einigen Monaten der Bürgerkrieg ausbrach und immer mehr ZivilistInnen unter den Opfern waren, verschlimmerte sich die Situation, die Gewalt eskalierte und die Präsenz der internationalen Truppen gab vielen einen Anlass, die Gewalt zu rechtfertigen.

Sollen die US-Truppen sich also Ihrer Meinung nach aus dem Irak zurückziehen?

Ja, ein Rückzug der Truppen muss erfolgen, jedoch muss dem die Entwicklung einer Strategie vorausgehen, die weiterhin die Stabilität des Landes garantiert. Die Truppen spielen nämlich momentan trotz allem eine wichtige Rolle für die Stabilität in Irak, und ich befürchte, dass sich die Situation nach dem Rückzug verschlimmern könnte.

Worin sehen Sie die größten Hürden für eine positive Entwicklung des Irak?


Was mich am meisten beunruhigt ist, dass die irakische Regierung die Meinungsfreiheit wieder einschränkt, was den Handlungsspielraum von Gewerkschaften und anderen unabhängigen Organisationen eingrenzt. Hier müssen auch die internationalen Regierungen Druck ausüben, um dies zu verhindern.

Was kann Laonf für das Land beitragen?


Die wichtigste Aufgabe von Laonf ist, zum Aufbau einer unabhängigen Zivilgesellschaft in Irak beizutragen. Denn es gibt keine bessere Strategie, eine starke und stabile Demokratie und eine friedliche Zukunft in Irak aufzubauen. Die Idee der Gewaltfreiheit ist hierbei eine Botschaft gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit.

Und Ihre persönlichen Ziele?

Ich kämpfe vor allem gegen die Unterdrückung der Frauen. Die irakische Frau wird durch eine machistische Kultur unterdrückt, die sich auf der Herrschaft der Gewalt und Barbarei gründet. Es wird keine Zukunft für Irak geben, wenn nicht die Frauen einbezogen werden, und das auf allen Ebenen. Außerdem wäre der Aufbau eines Forschungszentrums wichtig, dass unabhängige Studien und Informationen über Irak erstellt, sammelt und herausgibt.

Hassam K. H. Salah

Der Anwalt und Berater der Kommunalregierung von Kirkuk ist zugleich Direktor des Irakischen Instituts zur Förderung der Menschenrechte und bezeichnet seine Heimatstadt Kirkuk als eine der gewalttätigsten der ganzen Welt.

Welche Bedeutung hat für Sie das Jahr 2003?

Solange ich denken kann, ist mein Leben von Gewalt geprägt. Die Unterdrückung der kurdischen Unabhängigkeitsbewegungen, der Krieg gegen Irak und die beiden Kriege mit den USA… Ich habe Angehörige und Freunde verloren. Aber die Besatzung des Irak 2003 war etwas völlig anderes. Es war die größte Katastrophe in der irakischen Geschichte.

Inwiefern?

Wie viele andere IrakerInnen opponierte auch ich gegen das Regime von Saddam Hussein. Und wenn die Amerikaner einfach nur diejenigen unterstützt hätten, die seinen Sturz herbeiführen wollten, wäre ich auf ihrer Seite gewesen. Aber sie sind gekommen, um zu bleiben. Sie haben unsere Institutionen und unsere sozialen Strukturen zerstört und einen  grausamen Bürgerkrieg verursacht. Das Leiden der irakischen Bevölkerung hat in den letzten Jahren nie da gewesene Ausmaße erreicht.

Auch für Sie persönlich?

Fünf Mitglieder meiner Organisation wurden umgebracht, terroristische Gruppen haben mein Haus viermal zerstört, die US-Armee hat das Gleiche mit meinem Büro gemacht. Dadurch bin ich Opfer von doppelter Gewalt: der terroristischen und der US-amerikanischen.

Die US-Truppen sollen sich also aus Irak zurückziehen?

Ganz genau. Ihre Anwesenheit hier trägt nur dazu bei, die Gewaltspirale weiterzudrehen. Mit ihrem Rückzug würde wieder mehr Stabilität ins Land ziehen. Anstatt  Chaos würde man endlich eine hoffnungsvollere Zukunft erleben.

Welche Rolle hat Laonf für die Schaffung einer solchen Zukunft?


Laonf kann der Motor sein für eine unabhängige Zivilgesellschaft, die eine wirkliche und stabile Demokratie erhalten kann.

Intesar Al-Mayalie

Die Leiterin der „Irakischen Frauenliga“ sieht sich als „typische irakische Frau“ und engagiert sich in ihrer Heimatstadt Najaf für Gewaltfreiheit und Frauenrechte, was sie schon mehrmals zum Ziel fundamentalistischer Anschläge gemacht hat.


Wie haben Sie den Einmarsch der US-Truppen 2003 erlebt?

Für mich war es ein großer Affront, dass eine ausländische Armee unser Land besetzt, um uns eine neue Regierung aufzuzwingen.

Sie waren also nicht für einen Regimewechsel?

Doch, natürlich. Ich habe immer gegen die Diktatur Husseins gekämpft, aber diese zu beenden wäre Aufgabe der IrakerInnen gewesen. Ein Wandel, der von außen aufoktroyiert wird, muss zwangsläufig scheitern. Nach dem Sturz Husseins gab es ein Machtvakuum, das die verschiedensten Kräfte zu füllen versuchten. Religiöse Strömungen waren hierbei am erfolgreichsten, und diese begannen den bewaffneten Widerstand. So entstand der Bürgerkrieg.

Sie haben sich für einen anderen Weg entschieden, um sich für Ihr Land einzusetzen…

Mir wurde  klar, dass ich etwas für die Benachteiligten des Landes tun muss. 4 Mio. Witwen leben in Irak, die meisten können sich und ihre Familien nicht einmal mit dem Nötigsten versorgen. Den Frauen zu helfen bedeutet für mich, die Zukunft des Iraks zu retten.

Das sehen anscheinend nicht alle in Irak gern...

Es gibt immer wieder Versuche, meine Arbeit zu behindern. Das Haus meiner Familie wurde bombardiert, ich habe nur knapp ein Autobombenattentat überlebt.

Und trotzdem führen Sie Ihre Arbeit fort?!


Man will mich zum Schweigen bringen. Aber das wird ihnen nicht gelingen. Ich lasse mich davon weder aus meiner Heimatstadt vertreiben noch von meiner Arbeit abhalten.

Sollen die US-Truppen das Land verlassen?

Natürlich! So schnell wie möglich. Ich glaube nicht an die Warnungen, das Land könnte hinterher in Chaos und Bürgerkrieg versinken. Wir haben die schlimmste Gewaltwelle erlebt, während hohe ausländische Truppenkontingente im Land waren. Ihr Bleiben ist also keinesfalls eine Garantie dafür, dass dies nicht wieder geschieht.

Wie kann man dann eine erneute Gewalteskalation verhindern?


Das Wichtigste ist, eine starke Zivilgesellschaft aufzubauen. Wir, die Irakerinnen und Iraker, müssen diejenigen sein, die die Gewalt ablehnen. Wenn wir uns organisieren, können wir es auch schaffen, diejenigen zu stoppen, die noch immer auf Gewalt setzen.

Und was kann Laonf dazu beitragen?

Es ist wichtig, die Botschaft der Gewaltfreiheit in Irak zu verbreiten. Wir müssen eine Bewegung aufbauen, die sich gegen jede Form von Gewalt richtet. Und wir müssen Diskussionsräume schaffen für alle, die glauben, dass ein anderer Irak möglich ist.

Interviews: Judith Conrads und Luca Gervasoni, Dank auch an Stephan Brües.


Den Samen der Gewaltfreiheit pflanzen

BSV-Delegation auf 1. Irakischem Forum der Gewaltfreiheit

von Judith Conrads

Vom 6. bis 8. November 2009 fand das 1. Irakische Forum der Gewaltfreiheit in Shaqlawa, einer kleinen Ortschaft nahe Erbil, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im kurdischen Norden des Landes statt. Das irakische Netzwerk Laonf hatte zu dem  Treffen eingeladen. Über hundert Teilnehmende waren aus dem ganzen Land angereist, um Erfahrungen und Erwartungen in Bezug auf die gewaltfreie Arbeit im Irak auszutauschen.
Junge Künstler aus Bagdad, die in ihren Werken die alltäglichen Gewalterfahrungen verarbeiten, Journalistinnen, die sich für eine unabhängige Medienberichterstattung einsetzen, Anwälte, Gewerkschafter, Frauenrechtlerinnen – sie alle eint der Wille, gewaltfreie Wege in ihrer Arbeit für einen demokratischen und friedlichen Irak zu finden.

Auch internationale UnterstützerInnen waren präsent: Aus Frankreich, Italien, Spanien, den USA und Deutschland waren VertreterInnen verschiedener Organisationen angereist, die bereits Kooperationen mit Laonf pflegen oder solche aufbauen wollen. Die spanische Organisation Nova, die für die Durchführung des Forums Fördermittel der katalonischen Regierung aufgebracht hatte, war an der Planung und Durchführung des Forums aktiv beteiligt. Unter den internationalen Teilnehmenden befand sich auch der französische Philosoph und Gründer von MAN (Mouvement pour une alternative non-violente) Jean-Marie Muller, dessen Konterfei neben dem Gandhis die Forumsbanner schmückte. Er rief dazu auf, „den Samen der Gewaltfreiheit im Irak zu pflanzen“.

Zwei Tage lang wurden Ansätze diskutiert und Strategien geplant, berichteten VertreterInnen der einzelnen Mitgliedsorganisationen über ihre Aktivitäten, Erfolge und Hürden. Der Begriff der Gewaltfreiheit war hierbei immer wieder das zentrale Element.

Je mehr die einzelnen Teilnehmenden von ihren mit ganz persönlichen Gewalterfahrungen verbundenen Biografien berichteten, desto mehr trat eine Gesellschaft zutage, die von dem Umstand der Gewalt als Normalitätserfahrung geprägt ist. Gewalt ist im Irak als Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen und zur Konfliktlösung weitläufig anerkannt oder wird häufig gar mit Begriffen wie Ehre und Tapferkeit verbunden. Diktatur, Bürgerkrieg und Besatzung haben ihre Spuren hinterlassen. Einige Teilnehmende berichteten von einer regelrechten „Erleuchtung“, als sie durch Laonf von der Option der Gewaltfreiheit als Alternative zum gewaltsamen Widerstand erfuhren.

Kultur der Gewalt oder des Friedens


Erst im historischen und gesellschaftlichen Kontext wird also deutlich, warum hier das Prinzip der Gewaltfreiheit als ein der Gesellschaft und dem Miteinander grundlegendes erst herausgearbeitet werden muss. Arbeiten im Sinne der Gewaltfreiheit bedeutet im Irak zunächst, das Bewusstsein für den Sinn eines expliziten Verzichts auf Gewalt und der Anwendung von gewaltlosen, konstruktiven Lösungsanätzen zu schaffen. Die gewaltfreie Arbeit ist hier weit mehr als nur eine Methode, sondern soll vielmehr identitätsstiftend wirken und die Gewaltfreiheit als Prinzip in der Gesellschaft verankern.

Gewaltfreiheit wirkt für Laonf als kleinster gemeinsamer Nenner, der die Netzwerkmitglieder trotz möglicher ethnischer, religiöser oder anderer Unterschiede eint. Einige Konfliktlinien verschwinden hinter diesem gemeinsamen Ziel, andere Aspekte, wie die Frage nach der Bedeutung der Religion für die Legitimation von Gewalt oder dem richtigen Zeitpunkt des Abzugs der US-Truppen werden in den allgemeinen Diskussionen bewusst ausgeklammert, um die Bewegung und ihre Mitglieder durch die Suche nach diesbezüglichen einheitlichen Positionen nicht zu spalten.

Unter den Vorschlägen für zukünftige Schwerpunkte und Aktivitäten, die im Rahmen der strategischen Planungen für 2010 diskutiert wurden, war gehäuft der der Gründung eines Institutes für Gewaltfreiheit in Irak, welches wissenschaftliche Studien und Statistiken über Gewalt, ihre Formen und ihre Ursachen in Irak durchführen soll. Anklang fand auch die Forderung, Zivilgesellschaft und EntscheidungsträgerInnen an einen Tisch zu holen und so auch von staatlicher Seite her Unterstützung einzufordern. Die Bedeutung der Medien, die mit einer unabhängigen Berichterstattung zu einer gewaltfreien Entwicklung beitragen könnten, wurde betont und war auch durch die hohe Präsenz von JournalistInnen auf dem Forum selbst deutlich erkennbar. Die Bandbreite der Forderungen gab die Vielschichtigkeit der Laonf-Mitglieder wieder, die sich mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten auf den Ansatz der Gewaltfreiheit beziehen.

Die internationale Solidarität


Ein Wunsch, der immer wieder geäußert wurde, war der nach Training für die Netzwerkmitglieder. Aufgrund mangelnder Erfahrung und Tradition mit gewaltfreien Methoden und Ideen sahen die Teilnehmenden hier ein großes Defizit für ihre eigene Arbeitseffektivität. Hier kommt der internationalen Unterstützung eine bedeutende Rolle zu: Wie schon beim Training in Amman, so wurden Trainingsangebote von „erfahreneren“ internationalen Partnerorganisationen sehr begrüßt. Gerade aus erfolgreichen Beispielen anderer Länder und Erfahrungsberichten von PartnerInnen könne man Handlungsoptionen ableiten und in die eigene Arbeit einfließen lassen. Ein weiterer Appell an die internationale Unterstützungsgemeinschaft war der nach Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit: Es ist Wunsch, dass weltweit der Beitrag, den gewaltfreie Gruppen am Wiederaufbau des Landes haben, gezeigt wird und dadurch ein anderes Bild als das des gewaltsamen Irakers vermittelt wird.

Ein zartes Pflänzchen der Gewaltfreiheit war in Erbil zu erkennen. Es zum Wachsen zu bringen liegt bei uns allen. Der BSV will daher in 2010 die irakische Woche der Gewaltfreiheit durch öffentliche Aktionen in Deutschland bekannter machen und erörtert mit den Partnern von Laonf Möglichkeiten einer direkteren Unterstützung.