"Wir wollen Hoffnung bauen" - Interviews mit gewaltfreien AktivistInnen in Irak
Am Rande des 1. Irakischen Forums der Gewaltfreiheit, das vom 6.-8. November in Erbil stattfand, haben der BSV und die spanische
Organisation Nova Interviews mit Teilnehmenden durchgeführt. Sie geben einen
Einblick in persönliche Erfahrungen mit Krieg, Gewalt und Widerstand in Irak.
Saba Al-Nadawani
Die studierte Agraringenieurin arbeitet als Journalistin
beim „Institut für Information über Frieden und Krieg in Irak“ in Bagdad und
engagiert sich daneben ehrenamtlich in verschiedenen NGOs sowie als
Vorstandsmitglied von Laonf.
Wie erlebten Sie die Geschehnisse des Jahres 2003?
Meine ganze Familie besteht aus AktivistInnen gegen die
Diktatur Saddam Husseins, einige von uns verbrachten deshalb einige Zeit im
Gefängnis. Die Invasion in Irak und den Sturz Husseins haben wir anfangs dementsprechend
als Sieg gefeiert. Vorher herrschte weder Meinungsfreiheit noch Demokratie.
Selbst heute haben wir trotz aller Probleme mehr Freiheit als unter Hussein.
Sie sagten „anfangs
als Sieg“…
Als nach einigen Monaten der Bürgerkrieg ausbrach und immer
mehr ZivilistInnen unter den Opfern waren, verschlimmerte sich die Situation,
die Gewalt eskalierte und die Präsenz der internationalen Truppen gab vielen
einen Anlass, die Gewalt zu rechtfertigen.
Sollen die US-Truppen sich also Ihrer Meinung nach aus dem
Irak zurückziehen?
Ja, ein Rückzug der Truppen muss erfolgen, jedoch muss dem
die Entwicklung einer Strategie vorausgehen, die weiterhin die Stabilität des
Landes garantiert. Die Truppen spielen nämlich momentan trotz allem eine
wichtige Rolle für die Stabilität in Irak, und ich befürchte, dass sich die
Situation nach dem Rückzug verschlimmern könnte.
Worin sehen Sie die
größten Hürden für eine positive Entwicklung des Irak?
Was mich am meisten beunruhigt ist, dass die irakische
Regierung die Meinungsfreiheit wieder einschränkt, was den Handlungsspielraum
von Gewerkschaften und anderen unabhängigen Organisationen eingrenzt. Hier
müssen auch die internationalen Regierungen Druck ausüben, um dies zu
verhindern.
Was kann Laonf für das Land beitragen?
Die wichtigste Aufgabe von Laonf ist, zum Aufbau einer
unabhängigen Zivilgesellschaft in Irak beizutragen. Denn es gibt keine bessere
Strategie, eine starke und stabile Demokratie und eine friedliche Zukunft in
Irak aufzubauen. Die Idee der Gewaltfreiheit ist hierbei eine Botschaft gegen
Unterdrückung und Ungerechtigkeit.
Und Ihre persönlichen
Ziele?
Ich kämpfe vor allem gegen die Unterdrückung der Frauen. Die
irakische Frau wird durch eine machistische Kultur unterdrückt, die sich auf
der Herrschaft der Gewalt und Barbarei gründet. Es wird keine Zukunft für Irak
geben, wenn nicht die Frauen einbezogen werden, und das auf allen Ebenen.
Außerdem wäre der Aufbau eines Forschungszentrums wichtig, dass unabhängige
Studien und Informationen über Irak erstellt, sammelt und herausgibt.
Hassam K. H. Salah
Der Anwalt und Berater der Kommunalregierung von Kirkuk ist
zugleich Direktor des Irakischen Instituts zur Förderung der Menschenrechte und
bezeichnet seine Heimatstadt Kirkuk als eine der gewalttätigsten der ganzen
Welt.
Welche Bedeutung hat
für Sie das Jahr 2003?
Solange ich denken kann, ist mein Leben von Gewalt geprägt.
Die Unterdrückung der kurdischen Unabhängigkeitsbewegungen, der Krieg gegen
Irak und die beiden Kriege mit den USA… Ich habe Angehörige und Freunde
verloren. Aber die Besatzung des Irak 2003 war etwas völlig anderes. Es war die
größte Katastrophe in der irakischen Geschichte.
Inwiefern?
Wie viele andere IrakerInnen opponierte auch ich gegen das
Regime von Saddam Hussein. Und wenn die Amerikaner einfach nur diejenigen
unterstützt hätten, die seinen Sturz herbeiführen wollten, wäre ich auf ihrer
Seite gewesen. Aber sie sind gekommen, um zu bleiben. Sie haben unsere
Institutionen und unsere sozialen Strukturen zerstört und einen grausamen Bürgerkrieg verursacht. Das Leiden
der irakischen Bevölkerung hat in den letzten Jahren nie da gewesene Ausmaße
erreicht.
Auch für Sie persönlich?
Fünf Mitglieder meiner Organisation wurden umgebracht,
terroristische Gruppen haben mein Haus viermal zerstört, die US-Armee hat das
Gleiche mit meinem Büro gemacht. Dadurch bin ich Opfer von doppelter Gewalt:
der terroristischen und der US-amerikanischen.
Die US-Truppen sollen sich also aus Irak zurückziehen?
Ganz genau. Ihre Anwesenheit hier trägt nur dazu bei, die
Gewaltspirale weiterzudrehen. Mit ihrem Rückzug würde wieder mehr Stabilität
ins Land ziehen. Anstatt Chaos würde
man endlich eine hoffnungsvollere Zukunft erleben.
Welche Rolle hat Laonf für die Schaffung einer solchen Zukunft?
Laonf kann der Motor sein für eine unabhängige
Zivilgesellschaft, die eine wirkliche und stabile Demokratie erhalten kann.
Intesar Al-Mayalie
Die Leiterin der „Irakischen Frauenliga“ sieht sich als
„typische irakische Frau“ und engagiert sich in ihrer Heimatstadt Najaf für
Gewaltfreiheit und Frauenrechte, was sie schon mehrmals zum Ziel
fundamentalistischer Anschläge gemacht hat.
Wie haben Sie den Einmarsch der US-Truppen 2003 erlebt?
Für mich war es ein großer Affront, dass eine ausländische
Armee unser Land besetzt, um uns eine neue Regierung aufzuzwingen.
Sie waren also nicht für einen Regimewechsel?
Doch, natürlich. Ich habe immer gegen die Diktatur Husseins
gekämpft, aber diese zu beenden wäre Aufgabe der IrakerInnen gewesen. Ein
Wandel, der von außen aufoktroyiert wird, muss zwangsläufig scheitern. Nach dem
Sturz Husseins gab es ein Machtvakuum, das die verschiedensten Kräfte zu füllen
versuchten. Religiöse Strömungen waren hierbei am erfolgreichsten, und diese
begannen den bewaffneten Widerstand. So entstand der Bürgerkrieg.
Sie haben sich für einen anderen Weg entschieden, um sich
für Ihr Land einzusetzen…
Mir wurde klar, dass
ich etwas für die Benachteiligten des Landes tun muss. 4 Mio. Witwen leben in
Irak, die meisten können sich und ihre Familien nicht einmal mit dem Nötigsten
versorgen. Den Frauen zu helfen bedeutet für mich, die Zukunft des Iraks zu
retten.
Das sehen anscheinend nicht alle in Irak gern...
Es gibt immer wieder Versuche, meine Arbeit zu behindern.
Das Haus meiner Familie wurde bombardiert, ich habe nur knapp ein
Autobombenattentat überlebt.
Und trotzdem führen Sie Ihre Arbeit fort?!
Man will mich zum Schweigen bringen. Aber das wird ihnen
nicht gelingen. Ich lasse mich davon weder aus meiner Heimatstadt vertreiben
noch von meiner Arbeit abhalten.
Sollen die US-Truppen das Land verlassen?
Natürlich! So schnell wie möglich. Ich glaube nicht an die
Warnungen, das Land könnte hinterher in Chaos und Bürgerkrieg versinken. Wir
haben die schlimmste Gewaltwelle erlebt, während hohe ausländische
Truppenkontingente im Land waren. Ihr Bleiben ist also keinesfalls eine
Garantie dafür, dass dies nicht wieder geschieht.
Wie kann man dann eine erneute Gewalteskalation verhindern?
Das Wichtigste ist, eine starke Zivilgesellschaft
aufzubauen. Wir, die Irakerinnen und Iraker, müssen diejenigen sein, die die
Gewalt ablehnen. Wenn wir uns organisieren, können wir es auch schaffen,
diejenigen zu stoppen, die noch immer auf Gewalt setzen.
Und was kann Laonf dazu beitragen?
Es ist wichtig, die Botschaft der Gewaltfreiheit in Irak zu
verbreiten. Wir müssen eine Bewegung aufbauen, die sich gegen jede Form von
Gewalt richtet. Und wir müssen Diskussionsräume schaffen für alle, die glauben,
dass ein anderer Irak möglich ist.
Interviews:
Judith Conrads und Luca Gervasoni, Dank auch an Stephan Brües.